Super League

YBs Thronfolge kam später, aber mit Ansage

8. Oktober 2023, 04:30 Uhr
Klassiker ja, Spitzenkampf nein: Die Young Boys und der FC Basel begegnen sich aktuell nicht auf Augenhöhe
© KEYSTONE/PETER KLAUNZER
Einst scheitern die Young Boys immer wieder am Versuch, den FC Basel zu überflügeln, heute sind sie dem einstigen Dominatoren in vielerlei Hinsicht überlegen. Die Gründe.

Es gibt Sätze, die bleiben untrennbar mit der Person verbunden, die sie am Tag X in ein Mikrofon diktiert hat. Nicht selten würde sich diese Person irgendwann wünschen, vielleicht doch etwas andere Worte gewählt zu haben, weniger forsche etwa. Solche, die einem im Fall eines Misserfolgs nicht jahrelang um die Ohren gehauen werden können und landesweit für Spott und Hohn sorgen.

Es ist August 2010. Die Young Boys informieren über strukturelle Veränderungen in ihrem Betrieb, Stefan Niedermaier, der allseits beliebte CEO, muss gehen, stattdessen wird Ilja Kaenzig als Geschäftsführer installiert. Es ist eine denkwürdige Pressekonferenz, wie es sie mit den Gebrüdern Rihs, welche die Aktienmehrheit und schliesslich die gesamten Anteile am Verein besitzen, immer wieder gibt zu dieser Zeit in Bern.

Benno Oertig, der damalige Verwaltungsratspräsident der Young Boys, sagt an diesem Tag etwas, das sich ins kollektive Gedächtnis der Fussballschweiz einbrennt. Er ruft die in Bern bald einmal berüchtigte «Phase 3» aus.

Dreimal in Folge sind die Berner zuvor Zweite geworden in der Super League, jetzt wollen sie mehr, jetzt soll der Meister FC Basel endlich gestürzt werden. Oertig spricht gar von einer «Hochphase wie Bayern von 20 bis 30 Jahren», die er mit den Gelb-Schwarzen anstrebe, und Andy Rihs will national Titel holen, «mindestens».

Strellers Risiko

Fast sieben Jahr später, es ist der 7. April 2017, sitzen Bernhard Burgener und Marco Streller im rappelvollen Medienzentrum des Basler St.-Jakob-Parks. Der Eigentümer und der designierte Sportchef sprechen im Rahmen einer ausserordentlichen Generalversammlung über die Neuausrichtung des FC Basel. Unter dem Slogan «Für immer Rotblau» soll nach acht Meistertiteln in Serie und der Übergabe von Bernhard Heusler zu Bernhard Burgener frischer Wind in den Verein kommen. Man will vermehrt auf den eigenen Nachwuchs setzen und dabei trotzdem offensiven, attraktiven und erfolgreichen Fussball zelebrieren.

Schliesslich müssen neue Wege gefunden werden, das erfolgsverwöhnte Basler Publikum bei Laune zu halten. Denn selbst der Double-Gewinn konnte Trainer Urs Fischer keine Zukunft beim FCB sichern. Und Streller sagt einen Satz, der wie ein Domino-Stein am Anfang einer langen Kette von Fehleinschätzungen steht, die das einst unerschütterliche Erfolgskonstrukt des Liga-Krösus FCB zum Einsturz bringen: «Vier bis acht Junge im Kader zu haben, ist realistisch. Im Moment ist der Abstand zu den Young Boys so gross, dass man dieses Risiko eingehen kann.»

Am Sonntag (16.30 Uhr) treffen die Young Boys und der FC Basel in Bern aufeinander. Das Wankdorfstadion ist seit Tagen ausverkauft, doch was den 31'500 Zuschauerinnen und Zuschauern geboten wird, ist kein Spitzenkampf, sondern das Duell Zweiter gegen Zehnter.

Zwölf Punkte liegen nach acht Runden zwischen den beiden erfolgreichsten Schweizer Klubs dieses Jahrtausends. Der Abstand scheint nicht nur aufgrund der neusten Unruhen beim FCB und der Entlassung von Timo Schultz zurzeit so gross wie nie.

Erstaunlich, sahen die Vorzeichen bei Oertigs «Phase 3»-Ankündigungen und der folgenden FCB-Hochphase doch komplett umgekehrt aus. Ein paar Aspekte, die diese Entwicklung begünstigt haben.

Siegenthaler und Spycher

Dass die Young Boys im September 2016 Christoph Spycher zum Sportchef befördert haben, erweist sich für die Berner als Glücksfall. Der frühere Talentmanager steht mit seiner besonnenen Art und seiner Akribie für eine Ruhe im Umfeld, die den Bernern jahrelang gefehlt hat. Nicht zuletzt kurz vor Spychers Amtsantritt, als der damalige YB-Verwaltungsrat Urs Siegenthaler aus einer Loge des St.-Jakob-Parks mit der Muttenzerkurve im Hintergrund verkündet, es sei für die Berner vollkommen unrealistisch, den FC Basel anzugreifen. Die folgenden Aufstände von den Fans aber auch intern ermöglichen Spychers Aufstieg erst. Heute sitzt er als Delegierter Sport im Verwaltungsrat.

Beim FCB fehlt dieser ruhende Pol. Seit Georg Heitz zusammen mit Bernhard Heusler seine Aufgaben 2017 niedergelegt hat, hatten mit Marco Streller, Ruedi Zbinden und Heiko Vogel drei Personen die sportliche Leitung inne. Und seit David Degen im Mai 2021 die Aktien von Bernhard Burgener übernommen hat, redet auch er als Mitbesitzer in sportlichen Belangen mit.

Mehr Bewegung in Basel

Die unterschiedliche Strategie der beiden Führungsetagen in Bern und Basel lässt sich auch mit dem Treiben auf dem Transfermarkt illustrieren. So verzeichnete YB in den letzten Jahren deutlich weniger Zu- und Abgänge, insbesondere in diesem Sommer. Während die Berner mit Christian Fassnacht, Fabian Rieder und Cédric Zesiger nur drei Leistungsträger verloren, gaben die Basler praktisch alle Stammspieler ab, die es im Mai noch in den Halbfinal der Conference League geschafft hatten.

Auch auf der Trainerbank herrscht in Basel mehr Bewegung. In der «Ära Spycher» ist Raphael Wicky der fünfte Coach, wobei Adi Hütter und Gerardo Seoane abgeworben wurden und einzig David Wagner seinen Posten während der Saison räumen musste. In Basel war Timo Schultz am vergangenen Freitag bereits der sechste Trainer in diesem Zeitraum, der seinen Spind frühzeitig leeren musste.

Greuels Kapital

Für einen Verein wie den FCB, der unter Degen einen umfassenden Sparkurs fahren möchte, ist das ein Horrorszenario. Ein Blick auf die Entwicklung der Finanzen zeigt denn auch am eindrücklichsten, wie sich die Kräfteverhältnisse zwischen YB und Basel in den letzten Jahren verschoben haben: Als Bernhard Heusler den FCB abgab, verfügte dieser über ein Eigenkapital von rund 70 Millionen Franken. Dieses ist nach kostspieligen Jahren unter Bernhard Burgener aufgebraucht und Degen primär um eine ausgeglichene Bilanz bestrebt.

Die Young Boys verfügen dank des neuerlichen Einzugs in die Gruppenphase der Champions League mittlerweile über ein Eigenkapital von über 60 Millionen Franken, wie CEO Wanja Greuel kürzlich in den Tamedia-Zeitungen vorrechnete.

Die Kräfteverhältnisse vor dem sonntäglichen Klassiker sind klar. Doch irgendwann wird es vielleicht wieder passieren: Ein Mikrofon, ein paar Sätze - und plötzlich ist alles anders.

Quelle: sda
veröffentlicht: 8. Oktober 2023 04:30
aktualisiert: 8. Oktober 2023 04:30