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Stielike: «Die Oberen schauen nur, dass sie an ihr Geld kommen»

EM 2024

Stielike: «Die Oberen schauen nur, dass sie an ihr Geld kommen»

11. Juni 2024, 04:30 Uhr
Uli Stielike freut sich über den Sieg mit der Schweiz gegen Brasilien am 21. Juni 1989 in Basel
© KEYSTONE/STR
Uli Stielike blickt im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA auch auf seine Zeit in der Schweiz zurück und sagt, warum er Fussball nur noch am Rande verfolgt.

Uli Stielike hat mit Deutschland nicht «nur» 1980 den EM-Titel gewonnen und stand mit der DFB-Auswahl 1982 im WM-Final, er war als Spieler und Trainer auch mehrere Jahre in der Schweiz tätig. Von Juli 1989 bis Dezember 1991 coachte er das Nationalteam.

Zwar verpassten die Schweizer unter seiner Führung hauchdünn die Qualifikation für die EM-Endrunde 1992. Stielike legte jedoch mit seiner Arbeit die Basis für die WM-Teilnahme 1994 unter Roy Hodgson, als die Schweizer erstmals seit der WM 1966 an einem grossen Turnier dabei waren. Andy Egli, damals Spieler unter dem Deutschen, sagte einst, Stielike habe die Siegermentalität hineingebracht. Im Gespräch mit Nachrichtenagentur Keystone-SDA darauf angesprochen, entgegnete der heute 69-Jährige: «Man hat sich (damals) mit einer knappen Niederlage zufrieden gegeben.»

Nach seiner Zeit als Schweizer Nationaltrainer trainierte Uli Stielike Neuchâtel Xamax, für die er zuvor auch als Spieler tätig gewesen war. Zu seinem Erfahrungsschatz gehört auch ein kurzes Engagement beim FC Sion. Im August 2020, nach der Entlassung beim chinesischen Verein Tianjin Teda, beendete er seine Trainerkarriere. Nun geniesst er den Ruhestand an der Costa del Sol in Spanien.

Uli Stielike, Ihr letzter Trainerjob endete im August 2020. Wie stark sind Sie noch mit dem Fussball verbunden?

«Ich verfolge ihn nur noch am Rand, gehe nicht mehr ins Stadion. Der Fussball hat sich in eine Richtung entwickelt, die weit weg ist von dem, was mich zum Fussball gebracht hat. Dadurch ging die Nähe verloren.»

Können Sie das präzisieren?

«Ein Punkt ist das Finanzielle. Ich spreche nicht über die Topstars, welche die Leute ins Stadion bringen und zu Sponsoren verhelfen. Wenn diese die Leistung abrufen, sind zweistellige Millionenbeträge durchaus berechtigt. Aber dass ein Spieler, der kaum eingesetzt wird, innert kürzester Zeit zum Millionär wird, das kann ich nicht verstehen. Und dann geht die Regelauslegung mittlerweile so weit, dass die Leute gar nicht merken, dass der Fussball total verändert wird, es ein ‹Kuddelmuddel› ist. Zu meiner Zeit musste man im Sechzehnmeterraum noch versuchen, über ein Dribbling oder einen Doppelpass zum Abschluss zu kommen. Heute ist es angebracht, dem Gegenspieler an die Hand zu schiessen und auf einen Penaltypfiff zu hoffen, was in den meisten Fällen passiert. Das widerspricht dem eigentlichen Sinn des Fussballs. Es geht bis in die Ausbildung herunter. Da machen sich die Oberen jedoch keine Gedanken darüber, diese schauen nur, dass sie an ihr Geld kommen. Das scheint das Wichtigste zu sein.»

In dem Fall können Sie sich nicht vorstellen, irgendwann einmal in das Fussballgeschäft zurückzukehren?

«Nein. Es war eine schöne Zeit und ich vermisse nach wie vor den Umgang mit den Spielern, die Trainingsarbeit, die Gespräche, die Videoanalysen. Den Wettkampf vermisse ich jedoch überhaupt nicht.»

Am Samstag beginnt die EM in Ihrer Heimat. Sie werden auch dort nicht vor Ort sein?

«Nein, das habe ich nicht vor, zumal heutzutage ja auch der Sicherheitsaspekt miteinbezogen werden muss, angefangen von Islam-Kritikern, die eventuell Sachen ins Stadion tragen, bis hin zu den Bengalos, die man unverständlicherweise nicht in den Griff bekommt. Beim Fussball gibt es immer mehr Brutalität, er wird für Gewalt benutzt und dazu, sich ins Rampenlicht zu stellen. Wer zehn Bengalos abfeuert wird zwar abgeführt, bekommt aber noch eine Titelseite. Das viele Geld, das Schlagzeilen bringt, macht viel kaputt.»

Sie selber nahmen auch an grossen Turnieren teil. Für die WM 1978 wurden Sie allerdings nicht aufgeboten, weil Sie zu Real Madrid wechselten. Das ist heutzutage unvorstellbar. Wie blicken Sie darauf zurück?

«Das war absolut hirnrissig. Aber damals glaubte man in Deutschland, dass dort der beste Fussball gespielt wird. Sie wollten an mir ein Exempel statuieren, dass keine weiteren Spieler vor der WM 78 ins Ausland wechseln, was ihnen gelungen ist. Franz Beckenbauer ging zwar zu Kosmos (in die USA), aber er war damals schon über 30, ich war beim Wechsel 22. Mich gegen den DFB zu stellen, zu sagen, ihr könnt mich mal, ich gehe meinen Weg, war meine grösste Leistung. Als ich später ins Nationalteam zurückkehrte, galt ich aufgrund des kleinkarierten Denkens, das in Deutschland nun wieder ausgebrochen ist, wie man an den Wahlen sieht, nach wie vor als Fahnenflüchtiger. Meine Leistungen wurden von 95 Prozent der Journalisten immer nach unten gestuft.»

Dermassen gebrandmarkt zu werden, muss hart gewesen sein.

«Ja, umso mehr als ich in der Saison 1977/78 als Mittelfeldspieler 13 Tore in der Meisterschaft schoss und voll im Saft war. Mir wurden viele Länderspiele gestohlen, auch weil es früher keine Abstellpflicht gab und die Termine nicht koordiniert waren, in jedem Land anders gespielt wurde. So fehlte ich in einem Freundschaftsspiel gegen England im Wembley-Stadion, weil Real am gleichen Tag ein Cupspiel gegen einen kleinen Gegner bestritt und mich nicht gehen liess.»

Umso mehr muss der EM-Titel 1980 gutgetan haben.

«Er war eine Entschädigung. Wenn die WM in Argentinien gut verlaufen wäre (Deutschland schied in der Zwischenrunde aus), wer weiss, ob ich dann überhaupt hätte zurückkehren können. So gab es einen Trainerwechsel und (Jupp) Derwall kannte mich von der Amateur-Nationalmannschaft, die es damals gab. So kam eins zum anderen. Auch der WM-Final 1982 ist trotz des negativen Ergebnisses (1:3 gegen Italien) noch sehr präsent.»

An der WM 1982 gab Euer Spiel gegen Österreich zu reden, bei dem nach einem 1:0 für Deutschland beide Teams weiterkamen. Es ging als Schande von Gijon in die Annalen ein. Gab es einen Pakt?

«Nein, es war eine taktische Leistung, um weiterzukommen. Die FIFA bekleckerte sich alles andere als mit Ruhm, in dem die Anspielzeiten (die Gruppengegner Algerien und Chile bestritten ihr letztes Spiel am Tag zuvor) unterschiedlich angesetzt wurden. Dadurch wussten beide Mannschaften, was zum Weiterkommen reicht. Hätten wir mit drei Toren Unterschied gewonnen, wäre Österreich ausgeschieden gewesen. Ich bin fest davon überzeugt, auch aufgrund der Rivalität, dass wir bei einem 2:0 nachgesetzt hätten. Da das 2:0 jedoch trotz einer guten Chance nicht vor der Pause fiel und uns das 1:0 reichte, spielten wir fortan defensiv, aber nicht so, wie das an uns herangetragen wurde. Ich schaute mir die Partie am TV nochmals an und sah bloss einen Rückpass von der Mittellinie. Davor hatte ich den Eindruck, dass wir nur nach hinten gespielt hatten, aber dem war nicht so. Jedoch drosselten wir das Tempo und sind wir nicht mehr bedingungslos den Gegner angelaufen.»

Zuletzt war Deutschland an grossen Turnieren alles andere als erfolgreich. An den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 war bereits nach der Vorrunde Schluss, an der EM 2021 bedeuteten die Achtelfinals Endstation. Haben Sie eine Erklärung dafür?

«Ich glaube, dass der Fussball in Deutschland teilweise zu modernisiert wird, in dem Sinn, dass jeder Spieler alles spielen muss und uns im Zug der Allgemeinausbildung die Spezialisten verloren gegangen sind. Jene, die eigentlich immer den Unterschied ausgemacht haben. Hätte man von Gerd Müller verlangt, Druck auf den Gegner auszuüben, wäre das in die Hose gegangen. Wer heute unter zehn Kilometer läuft, kann kein gutes Spiel gemacht haben. Das sind alles Dinge, die etwas in die falsche Richtung laufen.»

Sie waren von 1998 bis 2005, mehrheitlich im Nachwuchsbereich, beim DFB tätig War es damals auch so oder konnten sie den eigenen Weg gehen?

«Ich hatte ja das Glück, dass ich die letzte Ausbildung zum Trainer in der Schweiz machen konnte. Damals waren die Schweizer, was die Nachwuchsausbildung anbelangt, den Deutschen weit voraus. Ein Satz, der mir in der Junioren-Ausbildung in der Schweiz hängenblieb, ist, dass jeder in einem Training 1000 Mal den Ball berühren müsse. In Deutschland dagegen musste man so und so viele Kilometer laufen. Das war ein gravierender Unterschied.»

Es erstaunt Sie also nicht, dass die Schweiz seit 2004 nur ein grosses Turnier verpasst hat?

«Nein, denn in der Schweiz ist eine gewisse Beständigkeit vorhanden, die es, besonders im Nachwuchsbereich, unbedingt braucht.»

Wie blicken Sie auf ihre Zeit als Schweizer Nationaltrainer zurück?

«Sehr positiv. Ich war zufrieden, wir hatten eine sehr gute Mischung aus älteren und jüngeren Spielern. Vielleicht waren wir noch etwas zu grün hinter den Ohren, um den grossen Sprung zu schaffen, wir verloren ja das letzte Qualifikationsspiel gegen Rumänien 0:1. Mit einem Unentschieden wären wir bei der EM in Schweden dabei gewesen.»

Dennoch entschieden Sie sich im Tausch mit Roy Hodgson zu Xamax zu wechseln.

«Jein. Ich war damals noch ein junger Bursche, war 36 Jahre alt. Es war alles gut und schön, die Nationalmannschaft funktionierte, man sah sowohl auf als auch neben dem Platz Fortschritte, jedoch waren mir zehn Länderspiele im Jahr zu wenig. Deshalb fragte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn den Verband, ob ich nebenbei eine Mannschaft übernehmen könnte, welche war mir eigentlich egal. Ich wollte nur mehr auf dem Trainingsplatz stehen. Das hat der Verband abgelehnt, korrekterweise muss ich ihm Nachhinein sagen. Die Interessenkonflikte wären unheimlich gross gewesen.»

2008 waren Sie während vier Monaten Trainer bei Sion. Wie war das?

«In Sion kann man kein gutes Verhältnis haben. Die Trainer dort leiden unter einem Präsidenten (Christian Constantin), der es nicht in den Profifussball geschafft hat. Das Talent reichte anscheinend nicht aus. Diese ‹Verprellung› lässt er jeden Trainer spüren. Er meint, er hätte den Fussball erfunden und fordert, dass seine Ansichten umgesetzt werden. Aber so funktioniert der Profifussball eben nicht.»

Zurück zur bevorstehenden EM. Was trauen Sie der Schweiz zu und was Deutschland?

«Die Schweiz hat auf jeden Fall den Vorteil, dass sie nicht wie die Deutschen in eine Favoritenrolle gedrängt wird. Bei den Deutschen muss man sich allerdings fragen, ob allein die Tatsache, im eigenen Land zu spielen, zu einer Favoritenrolle berechtigt, denn aufgrund der fussballerischen Leistungen in den letzten zwei Jahren wäre es eine Überraschung, sollten sie weit kommen. Bei den Schweizern zeigten viele Spieler in den Vereinen hervorragende Leistungen, wenn das aufs Team übertragen werden kann, ist definitiv eine Überraschung möglich.»

Quelle: sda
veröffentlicht: 11. Juni 2024 04:30
aktualisiert: 11. Juni 2024 04:30