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Schiedsrichterärger und (tragische) Heldengeschichten

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Schiedsrichterärger und (tragische) Heldengeschichten

9. Mai 2024, 11:17 Uhr
Standen am Mittwochabend beim Halbfinal-Rückspiel in der Champions League zwischen Real Madrid und Bayern München im Mittelpunkt des Geschehens: Goalie Manuel Neuer und Schiedsrichter Szymon Marciniak
© KEYSTONE/EPA/JUANJO MARTIN
Der FC Bayern verpasst nach dem Last-Minute-Aus gegen Real Madrid den deutschen Final in der Champions League. Der an Dramatik kaum zu überbietende Halbfinal schreibt gleich mehrere Geschichten.

Oliver Kahn sitzt auf der VIP-Tribüne des Estadio Santiago Bernabeu und nippt an einem Bier. Der ehemalige Weltklassegoalie und einstige Vorstandsvorsitzende des deutschen Rekordmeisters besucht das erste Spiel der Bayern, seit er Ende der vergangenen Saison vom Hof gejagt wurde.

Wenn sich einer in die Gefühlslage von Bayerns Goalie Manuel Neuer hineinversetzen kann, dann der «Titan». Nur zu gut ist das Bild noch in den Köpfen präsent, das ihn nach dem verlorenen WM-Final 2002 auf dem Boden sitzend und an den Torpfosten lehnend mit leerem Blick zeigt. Überragend hatte er bis zum Final gehalten, sein Team aus dem Nichts ins Endspiel geführt. Ausgerechnet Kahn unterlief dann ein folgenschwerer Fehler, der Ronaldo das erste und wegweisende Tor ermöglichte.

Der tragische Held

Auch Manuel Neuer hielt am Mittwochabend überragend, brachte Vinicius Junior ein ums andere Mal zur Verzweiflung. Bis er in der 88. Minute einen harmlos aussehenden Aufsetzer des Brasilianers nicht festhalten konnte. Der eingewechselte Joselu reagierte schneller als Bayerns Verteidiger Eric Dier und schob Neuer den Ball zwischen den Beinen hindurch zum Ausgleich ins Netz. Thomas Tuchel, der in der Kritik stehende Trainer des deutschen Rekordmeisters, sagte im Anschluss: «Von 10'000 Mal hält Manu den Ball 10'000 Mal. Das ist das 10'001. Mal. Das ist sowas von bitter.»

Bitter deswegen, weil den Bayern nach dem 2:2 im Hinspiel ein 1:0 für den Einzug in den Final gereicht hätte. Bitter aber auch deswegen, weil Joselu nur zwei Minuten später der Siegtreffer gelang, der die Deutschen auch noch die Verlängerung kostete.

Kahn auf der Tribüne dürfte sich ins Jahr 1999 zurückversetzt gefühlt haben. Mit den Bayern führte er damals im Champions-League-Final in Barcelona bis in die Nachspielzeit 1:0, ehe Manchester United noch zwei Treffer gelangen.

Die umstrittene Szene

In die Resignation der Bayern mischte sich aber auch Wut. Auf das eigene Unvermögen, klar, denn die Deutschen hatten nach dem Führungstreffer von Alphonso Davies mehr als einmal die Möglichkeit, das Spiel zu entscheiden. Der Ärger richtete sich aber in erster Linie auf Schiedsrichter Szymon Marciniak respektive dessen Assistenten. Der Pole hatte kurz vor dem Ende der 15-minütigen Nachspielzeit einen Angriff der Bayern vorzeitig wegen Abseits abgepfiffen, der folgende Treffer von Matthijs de Ligt zum vermeintlichen Ausgleich zählte nicht.

«Dieser Entscheid ist eine absolute Katastrophe. Man muss die Aktion bis zum Ende spielen lassen», sagte Tuchel. «Das ist die Regel, vor allem, weil es so nah am Tor ist und so grenzwertig. Den ersten Fehler hat der Linienrichter gemacht, den zweiten der Schiedsrichter.»

Tatsächlich war es eine unglückliche Aktion des Referees, der 2022 den WM-Final und im letzten Jahr das Endspiel der Champions League leitete. Der Ärger der Bayern: nachvollziehbar. Zumal selbst auf den verlangsamten TV-Bildern nicht zu erkennen ist, ob Noussair Mazraoui wirklich im Abseits stand - und die Schiedsrichter in solchen Aktionen angehalten sind, das Spiel vorerst weiterlaufen zu lassen.

Fraglich ist jedoch auch, ob De Ligt seinen Abschluss so unbedrängt hätte platzieren können, hätte Marciniak nicht unterbrochen - der Pfiff war deutlich vor dem Abschluss des Niederländers zu hören, die Verteidiger der «Königlichen» hatten bereits abgeschaltet.

Der eingewechselte Matchwinner

So rückte die eigentliche Hauptgeschichte dieses Abends etwas in den Hintergrund, nämlich jene des Matchwinners José Luis Mato Sanmartin, kurz: Joselu, 34 Jahre, gebürtiger Stuttgarter mit spanischem Pass, Real-Fan seit Kindheitstagen und Real-Spieler seit vergangenem Sommer.

Ein Wandervogel, der nirgends sesshaft wurde, in den letzten zehn Jahren für zehn verschiedene Vereine spielte, sich aber weder in der Premier League noch in der Bundesliga durchsetzen konnte. Der für Hoffenheim, Frankfurt und Hannover auflief und im Sommer von Absteiger Espanyol Barcelona nach Madrid ausgeliehen wurde.

Und von dem wohl die meisten dachten: Was will Real Madrid denn mit dem? Nun: Ihn im Halbfinal-Rückspiel der Champions League in der 81. Minute einwechseln und dank ihm in den Final in Wembley einziehen, wo gegen Borussia Dortmund der 15. Titel in der Königsklasse angestrebt wird.

Quelle: sda
veröffentlicht: 9. Mai 2024 11:17
aktualisiert: 9. Mai 2024 11:17