Noè Ponti über EM-Ambitionen, Federer und Djokovic
«Ich kann mich nicht mehr verstecken wie noch vor ein paar Jahren», ist sich Noè Ponti, der 2021 in Tokio mit dem Gewinn von Olympia-Bronze über 100 m Delfin seinen internationalen Durchbruch schaffte, seines in den vergangenen Jahren aufgebauten Status sehr wohl bewusst. «Medaillen zu gewinnen, ist immer ein Ziel. Ich tue alles, um gewinnen zu können, und genau deshalb schwimme ich», sagt er.
Mit 25 Jahren verfügt Ponti bereits über ein aussergewöhnliches Palmarès, vielleicht das kompletteste eines Schweizer Schwimmers überhaupt. Neben seiner Olympiamedaille gewann er 2025 zweimal WM-Silber auf der Langbahn, 2022 EM-Silber auf der Langbahn sowie sechs EM-Titel und drei WM-Titel auf der Kurzbahn.
Ist es da nicht frustrierend, noch immer auf den ersten grossen Langbahn-Titel zu warten? «Ich habe auf der Kurzbahn schon viel gewonnen und auch auf der Langbahn mehrere Medaillen geholt. So ist das eben. Roger (Federer) hat auch nur einmal Roland Garros gewonnen - und das ist bereits beachtlich, wenn man bedenkt, wie gut er auf Sand spielen konnte», sagt der Tessiner mit einem Lächeln, als er am Donnerstag in seinem Trainingsstützpunkt in Tenero mit den Medien spricht.
Ponti hofft diesmal auf das Glück
«Natürlich möchte ich in den nächsten Jahren Gold gewinnen», sagt er ernster. «Das bleibt mein grosser Traum. Aber leider - oder vielleicht zum Glück - bin ich nicht der Einzige, der Titel gewinnen will. Gold zu holen, ist nie einfach», erklärt Ponti, der an Langbahn-Europameisterschaften bislang vom Pech verfolgt war.
«2022 hatte ich einen Monat vor dem Wettkampf Covid und gewann trotzdem eine Medaille», erinnert sich der Tessiner. Zwei Jahre später musste er bei den Europameisterschaften in Belgrad vor den Halbfinals über 100 m Rücken wegen einer Magen-Darm-Erkrankung Forfait geben. «Ich hoffe, dass diesmal das Glück auf meiner Seite ist», sagt er.
«Aber so frustrierend ist es nicht. Im Sport gewinnt man manchmal und manchmal verliert man. Ich schwimme, um zu gewinnen, aber ich muss auch mit dem zufrieden sein können, was ich erreicht habe. Alle streben nach Gold», ergänzt der Delfin-Spezialist. Zu seinen wichtigsten Konkurrenten in Paris zählen Jegor Kornew (über 50 m), Maxime Grousset (über 50 und 100 m) sowie der Ungar Kristof Milak (über 100 m).
Drei Wochen in der Höhe
Der Tessiner hält die drittbeste Zeit aller Europäer in diesem Jahr über 50 m Delfin und die zweitbeste über die doppelte Distanz. Diese EM betrachtet er als wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles. Die Wettkämpfe in Paris sollen zeigen, ob die in der Vorbereitung getroffenen Entscheide die richtigen waren. «Es ist wichtig, Antworten darauf zu bekommen, ob das, was wir in diesem Jahr gemacht haben, funktioniert», sagt Ponti.
«Im Februar haben wir drei Wochen in Flagstaff, Arizona, auf 2100 Metern Höhe trainiert. Es war das erste Mal, dass ich so lange in einer solchen Höhe trainiert habe», erzählt er. «Wir haben im Vergleich zum vergangenen Jahr ganz andere Dinge ausprobiert. Jetzt werden wir in Paris sehen, ob sich das auszahlt oder nicht.»
Die neu gewonnenen Erkenntnisse sollen anschliessend in die weitere Planung einfliessen. «Danach werden wir Bilanz ziehen und gemeinsam mit meinem Team entscheiden, wie wir den weiteren Olympia-Zyklus gestalten», erklärt Ponti. Den letzten Feinschliff für diese EM holte er sich vom 13. bis 25. Juli mit der Schweizer Nationalmannschaft im Höhenlager in St. Moritz. «Dort war es kühler als hier in Tenero. Wir konnten gut schlafen», zeigt er sich erfreut.
Djokovic als Vorbild
Obwohl er in den vergangenen Wochen den Schwerpunkt auf die Schnelligkeit gelegt hat, hat sich Ponti nicht speziell darauf eingestellt, vor einem nicht ganz neutralen Publikum zu schwimmen. Unter anderem trifft er in Frankreichs Hauptstadt über 50 und 100 m Delfin auf den Einheimischen Grousset. «Bei den Olympischen Spielen in Paris bin ich im Final über 100 m Delfin gegen Maxime geschwommen und im Final über 200 m gegen Léon (Marchand). Ich kenne diese Atmosphäre», erinnert er.
Auch wenn die EM im olympischen Schwimmzentrum von Saint-Denis und nicht in der La Défense Arena ausgetragen wird, wo die Wettkämpfe der Olympischen Spiele 2024 stattfanden, weiss der Schweizer, was ihn erwartet. Inspiration holt er sich dabei erneut aus dem Tennis. «Novak Djokovic hat einmal erklärt, dass er bei den ‹Big Three› stets die Nummer 3 hinter Federer und Rafael Nadal gewesen sei und dass das Publikum immer auf ihrer Seite gestanden habe», erzählt Ponti.
«Wenn die Zuschauer ‹Roger, Roger› oder ‹Rafa, Rafa› riefen, sagte Novak, er höre einfach ‹Nole, Nole›. Ich muss das genauso machen. Ich weiss, dass die Stimmung für Maxime grossartig sein wird. Aber ich glaube, das kann auch mich antreiben. Und wenn ich ‹Maxime, Maxime› höre, denke ich einfach, dass das Publikum meinen Namen ruft», sagt Noè Ponti lächelnd und gewohnt gelassen.