Marco Odermatt könnte in Sölden zu Vreni Schneider aufschliessen
«Die grosse Kugel führt letztlich nur über mich» - Ausrufezeichen. Die Schlagzeile in der «Kronen Zeitung» rund zwei Wochen vor dem Saisonstart schlägt in unserem östlichen Nachbarland hohe Wellen. Zumindest, wenn man sich die Kommentarspalte des Onlineartikels vergegenwärtigt. Grundtenor: Marco Odermatts Aussage sei «überheblich». Dabei ist sie vor allem eines: zutreffend.
Pinheiro Braathen als Spielverderber
Fünfmal in Folge sicherte sich Odermatt zuletzt den Sieg im Gesamtweltcup. Und dies überlegen. Im Schnitt hatte er mehr als 640 Punkte Vorsprung auf den jeweiligen Zweitplatzierten. Im vergangenen Winter verwies er Lucas Pinheiro Braathen auf den 2. Platz. Der für Brasilien startende Norweger holte insgesamt 568 Punkte weniger als der Nidwaldner. Er entriss dem einstigen Dominator in dessen Paradedisziplin jedoch bei letzter Gelegenheit die kleine Kristallkugel im Riesenslalom, nachdem Odermatt bereits an den Olympischen Spielen das Nachsehen gegenüber Braathen gehabt hatte.
«Es ist natürlich schade, dass es nicht aufgegangen ist. Aber es war logisch, dass die Kugel auch mal an einen anderen geht als immer nur an mich», sagte Odermatt am Abgabetag von Swiss-Ski Ende September in Dübendorf. «Es war schon unglaublich, dass ich die vorangegangenen beiden Saison mit jeweils vier Kugeln beenden konnte.»
Anerkennung vom «Herminator»
Am Sonntag startet Odermatt in seine zehnte Weltcupsaison. Der Riesenslalom in Sölden markiert dabei eine besondere Marke: Es wird Odermatts 200. Rennen auf höchster Stufe sein. In bisher 199 Weltcup-Rennen stand der 29-Jährige 102 Mal auf dem Podest, 54 Mal zuoberst. Noch ein Sieg fehlt ihm, um zu Vreni Schneider aufzuschliessen, der in dieser Kategorie erfolgreichsten Schweizer Athletin.
Hermann Maier, die längst zurückgetretene österreichische Skilegende, im Weltcup wie Odermatt mit 54 Siegen dekoriert, sagte gegenüber Eurosport, dass ihn die Konstanz des Schweizers beeindrucke - nicht nur im Riesenslalom. «In verschiedenen Disziplinen ganz vorne zu sein, zeichnet einen Siegfahrer aus. Man merkt bei Odermatt nach wie vor den Ehrgeiz, gewinnen und sich immer weiter verbessern zu wollen», so Maier, der den Mut Odermatts in den schnellen Disziplinen und speziell im Super-G herausstreicht. «Er ist bei gewissen Schwüngen immer wieder bereit, an seine Grenzen zu gehen.»
In Sölden tut Odermatt gut daran, nicht über diese Grenze zu gehen. 2024 schied er auf dem Rettenbachgletscher im 1. Lauf mit deutlicher Bestzeit aus. «Es hat sich fast zu einfach angefühlt», gestand er damals.
Eine Muskelverletzung zur Unzeit
Drei der vier letzten Rennen oberhalb von Sölden gewann Odermatt. Selbstredend zählt der Innerschweiz im Ötztal auch dieses Jahr zu den grössten Favoriten. Dabei verlief die Vorbereitung für einmal nicht optimal.
Ende August zog sich Odermatt eine kleine Muskelverletzung zu. Statt wie vorgesehen mit dem Team reiste er verspätet ins Trainingslager nach Chile. Es sei nur eine kleine Verletzung gewesen, die zu einem blöden Zeitpunkt gekommen sei, sonst hätte die Öffentlichkeit davon gar nichts mitbekommen, so Odermatt, den die Verletzung im Kraftbereich etwas zurückgebunden hat. «Das nehme ich locker. Man könnte auch einen Bandscheibenvorfall oder das Knie komplett kaputt haben.» Er habe genug erreicht und müsse niemandem mehr etwas beweisen. «Wenn es in Sölden noch nicht reicht um ganz parat zu sein, dann bin ich es hoffentlich in Amerika.» Ende November respektive Anfang Dezember finden dort die ersten Speedrennen statt.
Angesprochen auf die Ziele für die kommende Saison mit der Heim-WM in Crans Montana gibt sich Odermatt diplomatisch. «Gesund bleiben, Freude haben und so viele Rennen wie möglich gewinnen.» Der kommende Winter dürfte der letzte sein, in dem Odermatt das volle Pensum mit Abfahrt, Super-G und Riesenslalom bestreiten wird. Danach soll der Fokus mehr Richtung Speed-Disziplinen gehen. «Wie es weitergehen wird, werde ich nach der Saison anschauen.»
Schlechte Nachricht für Österreich: In den letzten beiden Wintern hätte Odermatt selbst ohne die Punkte aus dem Riesenslalom die grosse Kristallkugel gewonnen.