Kompany improvisiert und Arsenals Serie reisst doch nicht
Als Declan Rice in den Strafraum zieht und den Ball flach in die entfernte Ecke schiebt, ist es im Gästesektor der Allianz Arena vorbei mit jeder Zurückhaltung. Der Ausgleich in der 82. Minute ist mehr als ein spätes Tor. Er rettet eine Serie, die in der Champions League ihresgleichen sucht. Seit der 0:1-Niederlage bei Inter Mailand im November 2024 hat Arsenal in der Ligaphase der Champions League nicht mehr verloren. Mit dem Remis in München sind es nun 15 Spiele in Folge. In der Vorsaison gewannen die Gunners alle acht Partien vor der K.o.-Phase, in dieser Saison stehen zwei Siege und ein Unentschieden zu Buche.
Lange deutete in München allerdings vieles darauf hin, dass diese Serie reissen würde. Nachdem Harry Kane die Bayern kurz nach der Stundenmarke per Penalty in Führung gebracht hatte, schienen die Münchner die Kontrolle über ein wildes Spiel zu übernehmen. Ihren Vorsprung auszubauen, verpassten sie aber. Der eingewechselte Luis Diaz scheiterte mit einem Schlenzer an David Raya. Kurz darauf legte Viktor Gyökeres, ebenfalls von der Bank gekommen, mit dem Rücken zum Tor für Rice ab. Kleine Momente, die über einen Punkt entschieden.
Früher Schock für Arsenal
Dabei hatte der Abend für Arsenal mit einem Rückschlag begonnen. Nach knapp zehn Minuten musste Bukayo Saka ohne Fremdeinwirkung vom Platz, er verletzte sich am Oberschenkel. «Es sieht überhaupt nicht gut aus, aber wir müssen abwarten», sagte Trainer Mikel Arteta. Für den Engländer kam Eberechi Eze, der auf die linke Seite rückte, während Noni Madueke nach rechts wechselte. Die Umstellung zahlte sich aus. Nach 25 Minuten lief Eze auf einen langen Pass von Martin Ödegaard aus der eigenen Platzhälfte und schob mit links in die untere Ecke ein. Für Eze war es das zweite Tor im zweiten Champions-League-Spiel in Folge.
Arteta betonte, sein Team habe in der Anfangsphase genau das umgesetzt, was er sehen wollte. «Wir haben sie gepresst, angegriffen und waren 20, 25 Minuten lang die bessere Mannschaft», sagte der Spanier. Dennoch hielt die Führung nur zehn Minuten.
Ein improvisierter Plan mit Logik
Die Szene zum Ausgleich warf ein Schlaglicht auf das Personalpuzzle, das Vincent Kompany zu lösen hatte. Bayerns Trainer, der in der Vorwoche selber mit einer Virusinfektion zu kämpfen hatte, musste in der Offensive auf Michael Olise und Jamal Musiala verzichten. Luis Diaz war wegen muskulärer Probleme nur ein Kandidat für die Bank. Also schickte Kompany Alphonso Davies in einer offensiveren Rolle aufs Feld. Kane liess sich immer wieder tief ins Mittelfeld fallen.
Der deutsche Nationaltrainer Jürgen Klopp äusserte in der Pause in einem TV-Interview Kritik am Spiel gegen den Ball der Münchner und konnte nicht nachvollziehen, weshalb Kane so weit hinten agierte. Kompany wollte nach dem Spiel nicht darauf eingehen und bat um die nächste Frage. Eine Antwort lieferte das Spiel ohnehin. Es war Kane, der als Spielmacher in der 35. Minute einen flachen Pass über rund 30 Meter durch Arsenals Abwehr spielte, und es war Davies, der den Ball an Raya vorbei zum 1:1 einschob. «Wenn Personal nicht verfügbar ist, sieht es vielleicht etwas kreativ aus», sagte Kompany. «Aber hinter diesen Entscheiden steht viel Logik.»
Was nach der Pause folgte, war ein offener Schlagabtausch. Manuel Neuer lenkte einen Kopfball von Bruno Guimarães an die Latte, kurz darauf parierte Raya auf der Gegenseite mit einem Reflex gegen Dayot Upamecano. Eze tanzte seinen Bewacher aus, scheiterte aber an Neuer. Dann landete ein Schuss von Kane, der auf dem Weg ins Tor war, am Arm von Jurrien Timber. Kane verwertete den fälligen Penalty, es war sein 16. Treffer gegen Arsenal, mit dem der frühere Tottenham-Stürmer für die Londoner längst so etwas wie ein Albtraum ist.
Dass die Bayern phasenweise das Spiel bestimmten, überraschte angesichts der vielen Ausfälle, zumal auch Minjae Kim zur Pause in der Kabine blieb. Die Statistik untermauert diesen Eindruck. Zwar hatte Arsenal mit 54 Prozent mehr Ballbesitz und gab mit 14 zu 13 sogar einen Schuss mehr ab. Die Münchner kamen aber auf vier Grosschancen gegenüber zwei. Nach den Expected Goals (2,51 zu 1,40) hätten die Bayern als Sieger vom Platz gehen müssen.
Ein Punkt mit Wert
Und trotzdem dürften beide mit dem Resultat leben können. Arsenal hat einen Ort verlassen, an dem es sich in der Vergangenheit selten gut anfühlte. In sieben Gastspielen in München gewannen die Londoner nur einmal, 2013 mit 2:0, und schieden damals trotzdem aus. Arteta verwies auf die jüngere Vergangenheit: «Wenn man sieht, wie die Teams, die in den letzten zwei, drei Jahren hierhergekommen sind, unter die Räder kamen, muss ich unserer Mannschaft Anerkennung zollen.» Ganz zufrieden war er dennoch nicht. «Wir nehmen das Remis mit, aber das heisst nicht, dass wir wirklich glücklich darüber sind. Wir haben uns vorbereitet, um dieses Spiel zu gewinnen.»
Auch für die Bayern ist der Punkt mehr als ein Trostpreis. Nach dem Punktverlust bei Viking in Stavanger hätte eine Niederlage den Weg in die Top 8 erschwert. Mit diesem Unentschieden sind die Münchner in der Gruppen- respektive Ligaphase nun seit 40 Heimspielen ungeschlagen (38 Siege, 2 Unentschieden). Man wolle zuhause immer gewinnen, sagte Kompany, aber man habe auch gegen einen starken Gegner gespielt.
Ein starker Gegner, das sind beide füreinander. Vor knapp einem Jahr hatte Arsenal die Bayern in London 3:1 besiegt. Ihre Wege trennten sich danach, endeten aber am selben Hindernis: Die Münchner scheiterten im Halbfinal an Paris Saint-Germain, Arsenal unterlag dem französischen Meister im Final im Penaltyschiessen. Dieser Abend in München hat gezeigt, dass beide wieder ein Wort mitreden wollen, wenn es im Frühling um alles geht.