Jasmine Flury steht vor der Rückkehr in den Ski-Weltcup
Die Frage, ob sich der ganze Aufwand lohnt, hat sich Flury in ihrer Verletzungspause mehr als einmal gestellt. Vor allem an jenen Tagen, an denen sie in der Reha keine Fortschritte erkennen konnte und ständig von Schmerzen geplagt war. Sie fragte sich nicht nur, ob ihr Knie es zulassen würde, wieder Skirennen zu bestreiten, sondern auch, ob ihr Kopf dafür bereit sein würde. Ob sie je wieder wagen könnte, das nötige Risiko einzugehen.
«Irgendwann, es ist noch nicht allzu lange her, konnte ich diese Fragen dann mit Ja beantworten», sagt Flury am Medientreffen am Mittwoch. Zwar wurde sie in der Vorbereitung auf den Speed-Auftakt in St. Moritz durch eine Grippe leicht zurückgeworfen, dennoch wirkt sie fokussiert und entschlossen. Das erste Abfahrtstraining sei «brutal streng» gewesen, aber eben auch sehr schön. Es habe sie daran erinnert, warum sie trotz aller Rückschläge im Aufbau nicht aufgegeben habe. «Weil Skifahren das ist, was ich am liebsten mache.»
Arbeit für mehr «Bein-Volumen»
Gleichzeitig ist die Abfahrtsweltmeisterin von 2023 bemüht, die Erwartungen anzupassen. Es sei nicht mehr wie vor der Verletzung und sie noch nicht dort, wo sie gerne wäre. Auf die Frage, was denn fehle, antwortet Flury, ihr «Beinchen» dürfe gerne noch etwas dicker werden. «Ich habe für den Muskelaufbau sehr lange gebraucht, und es wird auch noch eine Weile dauern.» Es sei nicht so, dass ihr die Kraft fürs Skifahren fehle, das Volumen sei einfach noch nicht ganz zurück. Entsprechend wichtig sei eine sorgfältige Vorbereitung. «Gefühlt bin ich den ganzen Tag am Aufwärmen.»
Neben den Muskeln ist Spitzensport vor allem Kopfsache. Und auch da sieht Flury noch Potenzial. «Im Moment braucht es noch viel Energie, die Überwindung zu finden.» Wichtig sei, das Vertrauen Schritt für Schritt zurückzugewinnen. Deshalb wolle sie versuchen, alles rund um ihr Comeback auszublenden und sich einzig auf ihre Leistung zu konzentrieren. Keine einfache Aufgabe beim Heimrennen, an dem viele ihrer Liebsten anwesend sein werden und sie medial im Fokus steht. «Es wird mega speziell», prophezeit Flury. «Ich muss meine Emotionen im Griff haben.»
Ein «sorgsamer» Aufbau
Auch Beat Tschuor, der Cheftrainer der Alpin-Frauen, mahnt zur Geduld. Die Rückkehr nach einer schweren Verletzung sei ein Prozess, der schlicht seine Zeit brauche. Flury sei vom Typ her nicht jemand, die sofort von null auf hundert umstellen könne. «Sie braucht viel Vertrauen und Ruhe», sagt Tschuor. Entsprechend «sorgsam» habe das Trainerteam den Aufbau gestaltet. «Aber es geht bei ihr definitiv in die richtige Richtung.»
Nach der intensiven Sommervorbereitung folgen nun die ersten Ernstkämpfe. Am Freitag wird die erste der zwei Abfahrten in St. Moritz durchgeführt. Mit dem Super-G vom Sonntag stehen gleich drei Rennen im Programm. Da gilt es auch, die Kräfte gut einzuteilen.
Premiere vor acht Jahren
Mit der Piste Corviglia verbindet Flury schöne Erinnerungen. Im Dezember 2017 feierte sie hier mit dem Sieg im Super-G ihre Podest-Premiere im Weltcup. Zwar verlief ihre Karriere danach unstet, zwischen 2022 und 2024 kamen dann aber drei weitere Weltcup-Podestplätze sowie der sensationelle WM-Titel in Méribel hinzu (alle in der Abfahrt). Der verheerende Knorpelschaden kam just in dem Moment, als sie sich in der Weltspitze zu etablieren begann.
Hadern möchte Flury aber nicht. «Erfolg ist schön, aber du lernst mehr aus der Zeit, in der es nicht nur gut geht.» In ihrer Pause habe sie neue Seiten an sich entdeckt. Nahm sie den Schmerz früher als Zeichen, auf die Bremse zu treten, musste sie in der Reha lernen, «über den Schmerz hinauszugehen». Es habe Tage gegeben, an denen sie der Verzweiflung nahe gewesen sei. «Und dann wurde es plötzlich besser. Ich musste einfach dranbleiben, im Moment leben.» Dieses Mantra hat sie mitgenommen. Es soll sie in ihrer Comeback-Saison im besten Fall bis an die Olympischen Spiele in Cortina tragen.