Gregor Deschwanden verblüfft mit seinem Exploit auch sich selbst
An Olympischen Spielen geht es um die Medaillen und nichts anderes, betonen viele Athleten. Bei Gregor Deschwanden war dies offenbar anders. Er machte sich am Montagmittag Richtung Sprungschanze in Predazzo auf und nahm die Kleider für die Medaillenzeremonie nicht mit. «Ich dachte, ich bin doch etwas weit weg», gibt er am späten Abend im Interview mit SRF zu. Und lacht etwas ungläubig, aber hochzufrieden.
Dann kommt der Probesprung, und es macht Klick beim 34-jährigen Routinier. «Im Nachhinein ist das natürlich einfach zu sagen», so Deschwanden. «Aber nach dem Probe habe ich gewusst: Jetzt funktionierts.» Skispringen ist ein sehr spezieller Sport. Es ist manchmal kaum logisch erklärbar, warum es plötzlich klappt oder warum man einfach nicht aus einem Tief findet.
Beharrliche Arbeit
Dass die Basis beim Zentralschweizer stimmt, wusste man schon lange. Er arbeitete stets beharrlich an seinen Sprüngen, wurde aber (zu) selten für seine Akribie belohnt. Völlig aus dem Nichts kommt der Bronzesprung deshalb nicht, doch der Zeitpunkt überrascht doch sehr.
Deschwanden überzeugte meist durch seine Konstanz. Sechs Weltcup-Podestplätze stehen in nunmehr fünfzehn Saisons zubuche, bei Grossanlässen sprang er erst im letzten Jahr bei der WM in Trondheim als Siebter erstmals in die Top 10. Dieser Winter war aber ein Rückschritt, nicht weniger als sieben Mal verpasste er sogar den zweiten Durchgang. Bis zur Erlösung in Predazzo.
Zweimal Schanzenrekord
Der erste Sprung ging auf 106 m, Schanzenrekord auf der komplett umgebauten Anlage im hintersten Ort des Val di Fiemme. «So ein Topsprung, da wirst du gleich paar Zentimeter grösser für den zweiten Durchgang mit dem Selbstvertrauen», meint Deschwanden danach strahlend. Dort geht es noch einen Meter weiter und schliesslich - auf den Zehntelpunkt ex-aequo mit dem Japaner Ren Nikkaido - auf den 3. Platz. «Manchmal braucht es etwas Glück», sagt Deschwanden ganz ehrlich. «Ich bin mega froh, dass heute mein Tag war.»
Wenn sich einer dieses Glück verdient hat, dann ganz sicher der stets bescheiden und bodenständig auftretende Luzerner. Mit seiner Bronzemedaille tritt er in einen höchst erlauchten Kreis ein. Vor ihm standen bei Olympischen Spielen einzig der «Vogelmensch» Walter Steiner (Silber 1972 in Sapporo) und der Überflieger Simon Ammann (je zweimal Gold 2002 und 2010) auf dem Podest. Er ist nun also der erfolgreichste Skispringer aus der Schweiz, der sein Metier nicht im Toggenburg gelernt hat.
Und bei den Skispringern ist es ja oft so, dass es richtig anhängt, wenn es mal läuft. Deschwanden ist deshalb am Samstag auch von der Grossschanze ein weiterer Exploit zuzutrauen. Zunächst aber hatte er Zeit, seine Medaille gebührend zu feiern.