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Gerber: «Wenn wir verlieren, war nicht plötzlich alles schlecht»

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Gerber: «Wenn wir verlieren, war nicht plötzlich alles schlecht»

26. Mai 2024, 05:00 Uhr
Thun-Präsident Andres Gerber blickt auf eine erfreuliche Saison zurück
© KEYSTONE/PETER SCHNEIDER
Andres Gerber wurde in Thun nach dem Abstieg in die Challenge League Klub-Präsident. Im Interview mit Keystone-SDA spricht der 51-Jährige über den Weg, den der FC Thun seither gegangen ist.

Andres Gerber, dies ist die zwölfte Saison mit 36 Spieltagen in der Challenge League. Sieben Mal hätten die 76 Punkte, die der FC Thun in dieser Saison geholt hat, für den direkten Aufstieg gereicht. Ein Vereinsrekord. Ist es frustrierend, dass ihr Team nun noch die Barrage bestreiten muss?

«Wenn wir schliesslich trotzdem aufsteigen, ist es mit diesen zwei Barrage-Spielen noch viel schöner. Wir haben jetzt im Rückspiel zuhause einen Final um den Aufstieg. Es wäre eigentlich schade, wenn wir das nicht hätten. Es ist wie in einem Cupfinal, und wenn man den gewinnt, ist es mega schön.»

Und wenn man verliert?

«Es ist eigentlich müssig, darüber zu reden. Wir haben unabhängig vom Ausgang der Barrage eine super Saison gespielt, ganz viel Freude gehabt und Freude bereitet. Was wir in diesem Jahr erlebt haben, kann uns niemand nehmen. Und wenn wir die Barrage verlieren sollten, war nicht einfach plötzlich alles schlecht. Dann wäre es sehr schade, aber wir hatten trotzdem ein gutes Jahr.»

So einfach?

«Mir ist schon bewusst, dass es Leute gibt, die nicht gleich denken, für die es einfach ein Schwarz oder ein Weiss gibt. Aber es gehört zu meinem Job, dies zu differenzieren. Wir haben vor zwei Jahren gesagt, dass es unser Ziel ist, in den nächsten drei Jahren aufzusteigen. Weil es immer sein kann, dass du einen starken Absteiger aus der Super League hast wie Sion in diesem Jahr, können wir nicht einfach das Saisonziel setzen, um jeden Preis aufzusteigen. Das wäre respektlos gegenüber den Gegnern und auch arrogant.»

Gegen Sion holte Thun zehn Punkte, gegen vermeintlich kleinere Gegner gab es aber immer wieder Punktverluste. Ärgert Sie das?

«Das mutet wahrscheinlich komisch an, das ist uns bewusst. Aber es geht viel mehr um mentale Aspekte als darum, wer mehr Qualität in den Beinen hat. In diesen Spielen geht es sehr oft um das Herz und den Kopf, und diesbezüglich haben wir eine hervorragende Saison gemacht. Wir haben 33 Punkte mehr als Aarau. Also haben wir ganz vieles gut gemacht. Wir hatten eine derart stabile Saison, da muss man nicht diskutieren, wenn man auch mal eine Partie verliert. Wir sind keine Roboter.»

Thun stieg 2020 in der Barrage gegen Vaduz ab, im Jahr darauf wurde der direkte Wiederaufstieg in der Barrage gegen Sion verpasst. Wäre ein Aufstieg damals zu früh gekommen?

«Damals war zu viel Druck im ganzen Konstrukt. Nach dem Abstieg war fast alles am Boden, und wir versuchten, es zu erzwingen, so schnell wie möglich wieder aufzusteigen. Jetzt sind wir an einem anderen Punkt. Der ganze Prozess, den wir als Verein in den vier Jahren seit dem Abstieg durchgemacht haben, ist unglaublich wertvoll.»

Inwiefern?

«Nach dem Abstieg sagten nicht wenige, nach drei Jahren in der Challenge League hätten wir dann keine Fans und Sponsoren mehr, weil der FC Thun dann nicht mehr interessiere. Wir haben eher das Gegenteil erreicht. Wir haben mehr Zuschauer und eher mehr Sponsoren als unmittelbar nach dem Abstieg. Es herrscht eine gewisse Euphorie.»

Worauf führen Sie diese Euphorie zurück?

«Die Leute haben Freude am FC Thun, weil wir unseren Weg mit unserer Philosophie weiterverfolgen. Mit vielen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs, mit Offensivfussball. Indem wir eigenständig und nicht von Investoren dominiert sind. In gewisser Weise setzen wir einen Gegentrend zu dem, was viele andere Klubs machen. Wir haben den Vertrag mit dem chinesisch-amerikanischen Investor PMG auf Ende 2024 gekündigt. Bei anderen Vereinen ist es eher so, dass ausländische Investoren dazukommen.»

Als Thun noch in der Super League war, sagte Markus Lüthi, Ihr Vorgänger als Präsident, immer wieder, dass ein Abstieg Lichterlöschen bedeuten könnte. Wie schafften Sie es, dass die Lichter scheinbar gerade so hell brennen wie lange nicht mehr?

«Es war ein unglaublicher Weg. Weil wir finanziell immer unter einem riesigen Druck stehen. Die Leute haben manchmal das Gefühl, dass wir jammern, wenn wir auf die angespannte finanzielle Situation aufmerksam machen. Und sie sagen, es gehe dann schon irgendwie. Aber hinter dem Irgendwie steht eine Riesenarbeit, auch mental. All der Frust, der Ärger, die Ängste, die Zweifel in den letzten Jahren - das war immens. Deshalb schätze ich es ungemein, dass wir jetzt da sind, wo wir sind. Einen grossen Anteil an dieser positiven Entwicklung hat neben vielen anderen treuen Unterstützern und Partnern unser Verwaltungsrat Beat Fahrni, der sich stark für den FC Thun einsetzt.»

Inwiefern hilft es, dass Identifikationsfiguren wie Sie oder Trainer Mauro Lustrinelli zentrale Positionen im Verein bekleiden?

«Ich denke, es hilft, damit sich die Menschen mit dem Verein identifizieren können. Im Vergleich zu vielen anderen Klubs ist das ein grosser Mehrwert des FC Thun, dass man weiss, wer wo dahintersteckt.»

Jetzt müssen Sie sowohl für die Super League, aber auch für die Challenge League planen. Was ist dabei die grösste Herausforderung?

«Die Mannschaft ist die grösste Herausforderung, aber als FC Thun mussten wir schon vor dem Abstieg immer mehrere Szenarien planen. Ich war zwölf Jahre lang Sportchef, und in den letzten 15 Jahren, seit ich nicht mehr Spieler bin, gab es nur selten Saisons, in denen wir bereits im Winter sagen konnten, mit dem Abstieg hätten wir nichts zu tun. Es ist immer ein Jonglieren. Und darin haben wir Erfahrung.»

Sie wurden 2001 und 2002 mit GC Meister. Inwiefern ist dieses Aufeinandertreffen eigentlich speziell für Sie?

«Es ist schon so lange her, dass ich bei GC war, und ich habe schon so oft gegen GC gespielt. Das GC von heute hat mit dem von damals, als ich Spieler war, nicht mehr viel gemeinsam. Heute möchte ich mit dem FC Thun aufsteigen.»

Thun gelang das letztmals 2010 mit Trainer Murat Yakin und der Feier auf dem Rathausplatz. Wie wichtig wäre es für den Verein, dass es diesmal klappt?

«Ich weiss, dass alle gern aufsteigen würden. Alle würden gern ein Fest feiern. Aber ich versuche immer zu relativieren. Ich würde auf diese Frage nie antworten: ‹Es wäre enorm wichtig›. Denn im Umkehrschluss wäre es dann auch ‹enorm schlimm›, wenn wir es nicht schaffen. Und das ist nicht korrekt. Der FC Thun ist so oder so eine coole Marke und macht vieles sehr gut - egal, ob wir aufsteigen oder nicht.»

Haben Sie sich trotzdem zur Motivation etwas Spezielles überlegt?

«Mit den Emotionen zu spielen ist etwas sehr Heikles. Man kann sich extrem aufputschen und zu motivieren versuchen, beispielsweise mit irgendwelchen Videos. Man müsste so Barrage-Spiele aber einfach angehen, ohne zu viel nachzudenken.»

Weshalb?

«Wenn ich jetzt plötzlich vor dem Spiel in die Kabine gehen würde, oder wir auf einmal im Hotel übernachten würden oder eine Klublegende wie Hanspeter Latour eine Motivationsrede halten würde, würde das die Spieler nur unnötig irritieren. Wir müssen es einfach so machen wie immer, ruhig und selbstbewusst bleiben und Vertrauen in unsere Fähigkeiten haben.»

Quelle: sda
veröffentlicht: 26. Mai 2024 05:00
aktualisiert: 26. Mai 2024 05:00