Eine nächtliche Dopingkontrolle mit Folgen
Er wollte über die Ursache für seinen verhängnisvollen Sturz «nicht spekulieren». Und doch tat Vingegaard nichts anderes, als er frisch geduscht vor dem Teamhotel «Ferme du Lac» in Thyez ein knappes Statement abgab und damit die hitzige Debatte über nächtliche Dopingkontrollen bei der Tour de France weiter befeuerte.
Vingegaard war am Sonntag während der 15. Etappe zu Fall gekommen und hatte dabei einen Schlüsselbeinbruch erlitten. In der Nacht zuvor war er von den Dopingkontrolleuren aus dem Schlaf gerissen worden. Fehlte dem zweimaligen Tour-Sieger beim Malheur im Kreisverkehr womöglich die Konzentration? «Man kann wohl sagen, dass es sicher nicht förderlich war. Ob das der Grund ist, darüber wage ich nicht zu spekulieren. Es mag durchaus eine Rolle gespielt haben», sagte Vingegaard dem dänischen Sender TV2.
«Schande», «Respektlos»
Der Aufschrei bei den Stars der Branche war jedenfalls gross. «Unmenschlich», «Schande», «Respektlos» - selbst die grössten Rivalen Tadej Pogacar und Remco Evenepoel solidarisierten sich mit dem Pechvogel. Sogar Lance Armstrong, der grösste Dopingsünder der Radsport-Geschichte, meldete sich zu Wort. «Sie klopften an die Tür und weckten ihn mitten in der Tour de France. Zwei Uhr morgens - das ist eine Frage der Menschenrechte. Ich bin sprachlos», sagte der Amerikaner in seinem Podcast «The Move» - wenngleich er sicher nicht als bester Fürsprecher für die heutige Generation taugt.
Doppel-Olympiasieger Evenepoel fand nach seinem Etappensieg klare Worte. «Ich kann nur sagen, dass es ziemlich respektlos ist, die Fahrer mitten in der Nacht zu wecken. Kontrollen um zwei und fünf Uhr morgens sind etwas, das wir als Fahrer eigentlich nicht hinnehmen können. Es ist schlicht unmenschlich, uns mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reissen», sagte der Belgier und bezeichnete die Vorgänge als «Schande».
Evenepoel fordert, dass die Fahrergewerkschaft CPA eingreift. Er wolle sich so etwas nicht gefallen lassen. «Ehrlich gesagt: Wäre mir das passiert, würde ich mein Team heute Nacht losschicken, um die Verantwortlichen ebenfalls um drei Uhr morgens zu wecken und sie am eigenen Leib spüren zu lassen, wie das ist - und ihnen mitten in der Nacht Blut abnehmen.»
Nächtliche Kontrolle auch bei Pogacar
Evenepoel konnte in der Nacht zum Sonntag gut schlafen. Bei Vingegaard klopfte es indes um zwei Uhr an der Tür, Tadej Pogacar war um fünf Uhr dran. «Nach einer Nacht, bei der der Schlaf ruiniert wird, liegt es vielleicht daran. Seine Tour ist ruiniert. Es ist wirklich traurig», sagte Pogacar. «Schlaf ist wichtig. Die Erholung des Körpers ist entscheidend. Wenn man auch nur ein bisschen die Konzentration verliert... Und die Passage dort, bei der Jonas stürzte, war wirklich gefährlich.»
Dopingkontrollen finden in der Regel zwischen 6.00 Uhr und 23.00 Uhr statt. Nächtliche Kontrollen sind seit zehn Jahren zwar auch möglich, unterliegen aber strengeren Richtlinien; sie werden beispielsweise vorgenommen, wenn konkrete Verdachtsmomente vorliegen. Die Kontrollen haben Vertreter der International Testing Agency (ITA) durchgeführt. Nach Angaben des niederländischen Visma-Teams, dem Vingegaard angehört, haben die Leute der ITA diese Tests auf Anweisung oder mit Genehmigung der französischen Anti-Doping-Agentur (AFLD) abgehalten.