«Dieses Jahr lasse ich weniger Emotionen zu»
Während Odermatt nach der Zieldurchfahrt durchpustet, mit einer Handbewegung die minimale Zeitdifferenz «kommentiert» und dann mit dem Finger auf seinen Teamkollegen Von Allmen zeigt, ärgert sich dieser in der Leaderbox.
Von Allmen mit angezogener Handbremse
Der Frust beim Berner Oberländer ist auch noch nicht verflogen, als er sich den Fragen der Reporter im Zielraum stellt. «Es nervt, ich bin enttäuscht», sagte der Zweitplatzierte, um danach mit einem Lächeln zu konstatieren: «Es ist das erste Podest hier in Kitzbühel, die erste Gams, die ich heimnehmen darf. Deshalb bin ich gleichzeitig auch sehr zufrieden.»
Umso bemerkenswerter ist Von Allmens Fahrt, da er gemäss eigener Aussage «überall ein bisschen Vorsicht eingebaut» habe und «nicht voll am Limit» gewesen sei. Die nötige Marge baute der 24-jährige Abfahrtsweltmeister mit Kalkül ein. «Es nervt mich langsam aber sicher, wenn ich immer wieder Fehler in meiner Fahrt habe, die mich zurückwerfen.» In der Abfahrt in Wengen kostete ihn ein solcher den Podestplatz, wenn nicht gar den Sieg.
Odermatt behält die Nerven - auf und neben der Piste
Wie schon im Vorjahr geht die goldene Gams im Super-G an Marco Odermatt. Wie im Vorjahr war es ein knappes Rennen, doch wie 2025 kam keiner an den Nidwaldner heran, hatte dieser die Hundertstel wiederum auf seiner Seite. «Es war keine perfekte Fahrt», analysierte der Sieger. Er sei super gestartet, habe den Lärchenschuss und dann auch den Hausberg jedoch nicht so gut erwischt. «Ich habe aber die Nerven nicht verloren und konnte genug Tempo mitnehmen, um drei Hundertstel über die Ziellinie zu retten.»
Der Triumph im Tirol war Odermatts 53. im Weltcup, zum 99. Mal stieg er auf höchster Stufe auf das Podest. Die magische Marke von 100 Weltcup-Podestplätzen könnte der 28-Jährige schon am Samstag schaffen, am liebsten natürlich mit dem langersehnten Sieg in der Abfahrt. Diesen verpasste Odermatt im vergangenen Jahr deutlich. «Damals ging mit dem Sieg im Super-G ein Traum in Erfüllung, ich konnte mich Kitzbühel-Sieger nennen», begründet Odermatt die fehlende Spannung am Folgetag in der Abfahrt.
Die Verpflichtungen nach einem Erfolg in der prominentesten aller Weltcup-Orte sind immens und kosten extrem viel Energie. Umstände, denen selbst ein Odermatt Tribut zollen musste. Doch der Super-G-Weltmeister handhabt es wie auf den Ski, indem er schnell dazulernt. «Dieses Jahr trage ich den Sieg gefasster, ich lasse weniger Emotionen zu. Das braucht es, um nicht mehr ganz so viel Energie zu verlieren wie letztes Jahr.»
Auf den Spuren von Cuche
Am Samstag könnte Odermatt schaffen, was zuletzt seinem Kindheitsidol Didier Cuche vor 16 Jahren gelungen ist: Auf der Streif innerhalb von 24 Stunden sowohl den Super-G als auch die Abfahrt zu gewinnen. Verhindern wollen dies einige, auch der am Freitag im 12. Rang geschlagene Italiener Giovanni Franzoni. Und wer weiss, vielleicht dreht Von Allmen den Spiess in der Abfahrt ja um und hat die Hundertstel in der Königsdisziplin auf seiner Seite.
Auf eines können Odermatts Gegner indes nicht «hoffen»: Dass sich dieser von kränkelnden Teamkollegen einen Schnupfen einfängt. Während sich vor allem Alexis Monney mit einer Grippe herumschlägt, erfreut sich Odermatt bester Gesundheit. «Mich hat es in Chile, in den USA und in Livigno erwischt. Also habe ich die südamerikanische, die nordamerikanische und die europäische Grippe durch und genug Abwehrkräfte.»
Es sind schlechte Voraussetzungen für die Konkurrenz.