Die nächste Eskalationsstufe im Streit zwischen FIFA und UEFA
Die Zuständigen der UEFA arbeiten konsequent am Sturz Infantinos. Mit ihrem Gesuch an die US-Justiz zur Sicherung von Dokumenten rund um den verhinderten WM-Investoren-Deal bei einem Gericht in Florida haben die europäischen Fussball-Funktionäre den Konflikt auf ein neues Level gehoben. Die FIFA steuert auf die grösste Krise seit den Skandalwirren um Infantinos Vorgänger Sepp Blatter vor gut elf Jahren zu.
Eine Rückkehr zu einer Zusammenarbeit zwischen UEFA und Infantino scheint unabhängig vom Ausgang der nun losgetretenen juristischen Aufarbeitung ausgeschlossen. «Die FIFA muss wieder als eine Institution geführt werden, die dem Fussball dient - und nicht als Instrument individueller Macht agiert», hiess es in einer Stellungnahme der UEFA nach dem Treffen aller 55 Mitgliedsverbände in Monaco.
Weshalb liegen Infantino und die UEFA im Clinch?
Mit seinem abseits aller FIFA-Institutionen mit amerikanischen Geschäftspartnern vorangetriebenen Milliarden-Deal zur WM-Vermarktung hat Infantino aus Sicht der UEFA eine rote Linie überschritten. Die seit langem gärende Stimmung bei den Europäern gegen ihn ist in offene Konfrontation gekippt.
Es geht längst nicht mehr nur um Bagatellen wie die verspätete Anreise im Privatjet zum Kongress in Paraguay im letzten Jahr oder die Männerfreundschaft mit US-Präsident Donald Trump, die in der Verleihung des FIFA-Friedenspreises gipfelte. «Infantino polarisiert die Fussball-Welt, wie man es noch nie erlebt hat», sagt die norwegische Verbandschefin Lise Klaveness, eine der grössten Kritikerinnen des Wallisers.
Fakt ist: Das letzte bisschen Vertrauen zum einstigen UEFA-Generalsekretär ist aufgebraucht. Seit 2016 wurde ihm in mehreren Fällen persönliche Bereicherung vorgeworfen - und sein Versuch, die WM-Rechte teilweise zu privatisieren, ist Wasser auf die Mühlen aller Gegner, die Infantino für korrupt halten. Die UEFA will ihn stürzen. Daran lässt sie keinen Zweifel mehr.
Was hat es mit den juristischen Drohungen auf sich?
Mit den auf 60 Seiten für ein Distriktgericht in Florida ausformulierten Erklärungen und Anschuldigungen macht die UEFA klar, dass sie nicht bloss von einem Fall sportjuristischer Verfehlungen ausgeht. Sie strebt ein strafrechtliches Verfahren an und will Beweise sichern lassen, die vor Schweizer Gerichten gegen Infantino vorgebracht werden können.
Das Vorgehen und die USA als Ort der Auseinandersetzung sind konsequent. Auch Infantinos Vorgänger Sepp Blatter räumte seinen Posten erst, als sich die US-Justiz mit dem damaligen FIFA-Gebaren befasste. Sollten die Richter einen Anhaltspunkt finden, dass nicht nur Schweizer Recht gebrochen worden sein könnte, sondern auch US-Interessen tangiert sind, bekäme die Entwicklung noch mehr Tragweite.
Welche Konsequenzen drohen Infantino?
Noch ist keine Anklage erhoben. Es geht nur um die Vorbereitung eines möglichen Verfahrens in der Schweiz. Sollte es dazu kommen, könnten die Folgen für Infantino aber gravierend sein. Der juristische Vorwurf lautet auf ungetreue Geschäftsbesorgung. Das kann eine Busse und sogar Haftstrafen nach sich ziehen. Aber natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Infantino beharrt darauf, nicht gegen geltendes Recht verstossen zu haben.
Was heisst das für die FIFA-Präsidentschaftswahl?
Vorläufig noch nichts. Stand jetzt kann Infantino unverändert seine Amtsgeschäfte führen und auch für eine vierte Amtszeit kandidieren. Ändern würde sich daran nur etwas, wenn die FIFA-Ethikkommission ihn suspendieren oder die Governance-Abteilung des Verbandes seine Kandidatur ablehnen sollte. Dafür gibt es keine Anzeichen. Kritiker meinen, die Gremien würden auf rechtswidrige Weise von Infantino kontrolliert. Viele Verbände in Asien, Afrika und Südamerika unterstützen ihn nach wie vor.
Wie schnell die Justiz in den USA und dann womöglich in der Schweiz arbeitet, ist schwer zu prognostizieren. Womöglich wird sich die Angelegenheit bis weit hinter den Wahltermin am 18. März 2027 ziehen. Einen Gegenkandidaten hat die UEFA noch nicht präsentiert. Das wird eine Aufgabe für die Zeit bis zum Ende der Bewerbungsfrist am 18. November sein.
Wie reagiert die FIFA?
In Zürich gibt man sich nach aussen hin entspannt. Eine öffentliche Stellungnahme gab es bis jetzt nicht. Abseits des offiziellen Protokolls wurde das Vorgehen der UEFA als durchschaubarer Schachzug bezeichnet. Die Europäer wollten nur davon ablenken, dass sie den angekündigten Boykott von FIFA-Turnieren nicht aufrechterhalten können, hörte man aus der Zentrale des Weltverbandes. Infantino tourt derweil weiter durch die Kontinente und versucht Allianzen für seine Wiederwahl zu schmieden.