Super League

«Der Verein hat in Kürze sehr grosse Schritte gemacht»

20. Januar 2024, 04:30 Uhr
Servettes Trainer René Weiler ist mit dem ersten Saisonteil zufrieden
© KEYSTONE/SALVATORE DI NOLFI
René Weiler ist jemand, der das Herz auf der Zunge hat. Im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA äussert er sich unter anderem darüber, was ihn an der heutigen Generation nervt.

Seit vergangenem Sommer ist der 50-jährige Weiler Trainer von Servette. Nach Anlaufschwierigkeiten in der Super League fingen sich die Genfer. Die letzte Niederlage in der Meisterschaft, ein 0:2 in Luzern, datiert vom 24. September. Seither gab es sieben Siege und vier Unentschieden.

Zudem überwinterte Servette europäisch. Im Sechzehntelfinal der Conference League ist die bulgarische Equipe Ludogorez Rasgrad der Gegner. Am Wochenende haben die Genfer frei, da die Partie in Winterthur vom Samstag auf den kommenden Dienstag verschoben worden ist.

René Weiler, Ihre Mannschaft liegt nach 18 Runden mit einem Rückstand von sieben Punkten auf Leader Young Boys im 4. Rang. Wie fällt Ihre Bilanz bis hierhin aus, mit was sind Sie zufrieden, mit was nicht?

«Es gab einige Veränderungen und Anpassungen sowie sehr viele Herausforderungen zu meistern. So war zum Beispiel die Dreifachbelastung für 90 Prozent des Kaders Neuland. Die Mannschaft hat sich entwickelt, oft guten Fussball gespielt und mich in den 31 Spielen in lediglich knapp fünf Monaten selten bis nie enttäuscht. Ich bin zufrieden mit dem Geleisteten.»

Der Start bei Servette verlief nicht reibungslos, sie drohten gar hinzuschmeissen, weil in Ihre Kompetenzen eingegriffen wurde. Es kam zu einer Aussprache mit dem Präsidenten Thierry Regenass. Autonomie scheint Ihnen sehr wichtig zu sein.

«Wichtig ist mir, als Teamplayer Fachwissen und Kompetenzen richtig einzusetzen und als Verein mit möglichst einer Stimme objektiv, transparent und zielführend zu kommunizieren.»

Ohnehin sind Sie ein Mann der klaren Worte, scheuen Sie sich nicht, einen Konflikt auszutragen. Woher kommt das?

«Von Vorbildern, die mich mit ihrem Wesen und Wirken prägten - wie zum Beispiel Hannes W. Keller (von 2001 bis 2015 Präsident des FC Winterthur - die Red.). Gerade in der heutigen Zeit gilt es als Führungsperson, den Mut nicht zu verlieren, das zu tun, was zu tun ist. Leider Gottes fällen viele Entscheide, um möglichst keine Angriffsflächen zu bieten. Es wird auf Kommentare und Likes von aussenstehenden Laien gehört, was befremdlich ist.»

Was muss ein Spieler mitbringen, um Ihren Anforderungen zu entsprechen? Oder anders gefragt, was ist Ihnen besonders wichtig?

«Wenn ich es auf drei Eigenschaften reduziere, dann Charakter, Einstellung und Verlässlichkeit.»

Sie waren von August 2019 bis September 2020 in Ägypten bei Al Ahly tätig. Sie wurden Meister, dennoch baten Sie um Vertragsauflösung. Warum?

«Weil mir der Lockdown, verbunden mit zwei Monaten eingesperrt in einem Hotel zu sein, zusetzte. Kein Geld oder keine Trophäe sind wichtiger als die Gesundheit und Zufriedenheit.»

Im Dezember 2021 unterschrieben Sie in Japan bei Kashima. Dort ist die Kultur ganz anders als bei uns. Was nahmen Sie aus dieser Zeit mit?

«Sehr viel, auch wenn mir dort ebenfalls wegen Corona wenig zum Lachen war. Wieder reduziert auf drei Worte: Respekt, Bescheidenheit und Sauberkeit.»

Sie arbeiteten auch in Deutschland und Belgien, verfügen über einen grossen Erfahrungsschatz. In welchen Bereichen haben Sie sich seit Ihren ersten Tagen als Trainer am meisten weiterentwickelt?

«Ich kann eher innehalten und mich auf das Wesentliche fokussieren, gehe mit eigenen Defiziten viel besser um. Zudem verstehe ich die Menschen besser, auch wenn sie zum Teil komplett anders funktionieren.»

Was macht für Sie einen guten Trainer aus?

«Menschenkenntnisse und Fokus aufs Wesentliche. Resultate sind in erster Linie von der Qualität der Spieler abhängig und erst dann von der Arbeit der Leute hinter ihnen.»

Trainer zu sein, ist mit viel Stress verbunden. Können Sie gut abschalten?

«Ja, auch das habe ich gelernt. Es gibt viel Emotionalität und Hysterie um eigentlich fast nichts respektive um ein simples Spiel, das von vielen gespielt, verfolgt und kommentiert wird. Aber es ist und bleibt ‹nur› ein Spiel.»

Sie mussten Ihre Karriere als Spieler mit 26 Jahren verletzungsbedingt beenden. Dachten Sie schon, als Sie noch aktiv waren, wie ein Trainer?

«Ehemalige Trainer und mein Berater sagten mir früh, ich würde eines Tages Trainer werden. Dabei war das bei mir selber gar nie ein Thema.»

Welches Sind für Sie die grössten Unterschiede, seit Sie noch Spieler waren im Vergleich mit heute?

«Die Unterschiede sind riesig. Ich nenne nur ein Beispiel. Früher redeten wir nach Spielen über das Geschehene, tauschten uns aus und gingen gemeinsam essen. Heute schaut fast jeder in sein Handy. Das finde ich schlimm.»

Gab es Jemanden, der Sie speziell geprägt hat?

«Keller, den ich schon erwähnt habe, mein Vater, mein erster Trainer in der höchsten Liga, Fringer, mein Hochschulexperte Scholz und noch viele andere.»

Sie haben bei Servette für zwei Jahre mit Option unterschrieben, mit dem Ziel, die Genfer mittelfristig zu einem ernsthaften Herausforderer des aktuellen Primus YB zu formen. Was fehlt noch zu den Bernern?

«Geld, Infrastruktur, Erfahrung und vor allem Siege respektive Punkte. Aber es darf nicht vergessen werden, dass vor sechs Jahren in Genf noch nicht Super League gespielt worden ist. Der Verein hat in Kürze sehr grosse Schritte gemacht, die Fondation und viele Menschen in Genf brachten die Marke Servette wieder zum Strahlen.»

In dieser Saison kommt erstmals der neue Modus zum Tragen, bei dem die Tabelle nach 33 Runden geteilt wird. Ist das in Ihrem Sinn und wären für Sie auch Playoffs eine Option?

«Ich mache mir keine Gedanken über Dinge, die ich nicht beeinflussen kann. Der neue Modus ist nun jener, welcher bestmöglich gespielt werden muss.»

Der Genève-Servette HC hat den gleichen Besitzer wie ihr. Holen Sie sich auch Inspiration im Eishockey, gibt es Symbiosen?

«Ich sehe mir seit klein auf auch regelmässig Eishockeyspiele an. Ich traf Jan Cadieux (den Trainer von Genève-Servette) und tauschte mich mit ihm aus. Er ist ein grossartiger Mensch und erfolgreicher Coach.»

Zum Schluss. Was ist in dieser Saison für Ihr Team noch möglich?

«Wir mussten leider mit Bedia (den aktuellen Leader in der Torschützenliste der Super League) das beste Pferd im Stall verkaufen haben und zudem einen kleiner Kader. Wir wollen weiterhin die Spieler besser machen und guten Fussball zeigen. Dann schauen wir auf die Tabelle.»

Quelle: sda
veröffentlicht: 20. Januar 2024 04:30
aktualisiert: 20. Januar 2024 04:30