Alina Pätz wagt den Neuanfang
Alina Pätz befindet sich gerade auf dem Weg von Bern nach Baden ins Training, als sie mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA telefoniert. Sie war noch im Haus des Sports, da sie seit 2023 bei Swiss Olympic das Projekt «Nachsport» leitet. Ein Pensum von 40 Prozent sollte sie über das Jahr erreichen, sie kann die Zeit aber flexibel einteilen. Es ist für sie eine willkommene Abwechslung zum Curling-Alltag.
Pätz' Leidenschaft für das Curling ist jedoch ungebrochen. Deshalb entschied sie sich weiterzumachen, obwohl mit dem zurückgetretenen Skip Silvana Tirinzoni und Carole Howald zwei Spielerinnen das Team verliessen. Zusammen mit Tirinzoni gewann Pätz viermal WM- sowie zweimal EM-Gold und erfüllte sich im Februar in Cortina d'Ampezzo mit Silber den Traum von einer Olympiamedaille. «Es war ein Prozess und hängt immer auch vom Umfeld ab», erklärt die 36-jährige Zürcherin. «Es half, dass Sven (Michel), mein langjähriger Partner, ebenfalls weiterspielt. Das hat mich in meinem Entscheid bestärkt weiterzumachen.»
Vom «alten» Team ist Selina Witschonke übrig geblieben, neu stiessen Stefanie Berset und Renée Frigo dazu. Berset spielte zuvor in der Equipe von Corrie Hürlimann, war jedoch bei Grossanlässen mehrmals als Ersatzspielerin bei Tirinzoni und Co. dabei. Die 21-jährige Frigo gehörte zu den besten Juniorinnen und ist eine gute Wischerin. «Wir haben alle die gleiche Vorstellung, was es heisst, hart zu arbeiten», sagt Pätz. «Wenn ich nicht an das Team glauben würde, dann hätte ich es gar nicht gemacht. Dann hätte ich Besseres zu tun mit meiner Zeit, denn ich würde mehr verdienen, wenn ich voll arbeiten würde.»
Pätz betont aber: «Ich habe mehr erreicht, als ich mir jemals in diesem Sport erträumt hatte. Das nimmt einen gewissen Druck weg. Ich bin in einem Stadium meiner Karriere, in dem ich nicht das Gefühl habe, jemandem noch etwas beweisen zu müssen. Aber ich habe immer noch die Lust und den Biss, auf dem bisherigen Level zu bleiben. Das ist für mich eine super Ausgangslage.»
Neue Rolle, neue Herausforderungen
Pätz spielte zwar schon zuvor die letzten beiden Steine, dennoch befindet sie sich nun in einer ganz anderen Position. Vorher musste sie sich nicht so viele Gedanken über die Strategie machen, dafür war Tirinzoni zuständig, die Pätz als eine der «besten, wenn nicht die beste Strategin im Frauen-Curling» bezeichnet. Nun müsse sie sich mehr in die einzelnen Situationen hineindenken. «In den letzten Wochen sind mir immer mal wieder taktische Fehler passiert, daraus muss ich über die Zeit lernen», gibt sie sich selbstkritisch.
Eine weitere Umstellung ist für Pätz, dass sie während einer Partie nun körperlich weniger aktiv ist - zuvor hatte sie viel mehr mitwischen können. Da sie sich sehr gerne bewegt, sucht sie an Tagen mit nur einem Spiel vermehrt den körperlichen Ausgleich und geht vielleicht noch eine Runde joggen. Dafür ist sie nun nach einer Partie mental deutlich müder.
Auch sonst ist es für Pätz quasi ein Neuanfang. «Wir hatten das Glück, dass wir einige Sponsoren vom alten Team übernehmen konnten. Die ganzen Strukturen, wie beispielsweise die Zuständigkeit der Ämter, mussten jedoch neu aufgebaut werden. Man fängt eigentlich wieder bei Null an, was aber sehr interessant ist. Du fühlst dich wie eine Unternehmerin.»
Einen fixen Trainer hat das Quartett noch nicht, was jedoch ein bewusster Entscheid ist. «Wir müssen uns zuerst als Team noch finden, um zu sehen, was wir überhaupt brauchen», so Pätz. Denn im Curling gebe es unter den Trainern weniger den Allrounder, sondern mehr Leute, die in einzelnen Bereichen stark seien. An der EM werden Pätz und Co. von der früheren Spitzencurlerin Mirjam Ott unterstützt, die schon beim «alten» Team mitgeholfen hatte. Zuletzt in Kanada arbeiteten sie mit dem kanadischen Trainer Paul Webster zusammen. Er ist Trainer der Equipe von Brad Jacobs, der in diesem Jahr zum zweiten Mal nach 2014 Olympiasieger wurde. «Das war sehr wertvoll», sagt Pätz. Sowohl mit Ott als auch mit Webster kann sie sich eine weitere gemeinsame Arbeit vorstellen.
Mit Rückenwind an die EM
Neuanfang hin oder her, besser hätten die vier nicht in das Abenteuer starten können. Ihre ersten drei Turniere auf der World Curling Tour haben sie allesamt gewonnen. Beim ersten Grand-Slam-Turnier dieser Saison in der vorletzten Woche erreichte das Team den Viertelfinal. «Dass wir die ersten Turniere gleich gewannen, war schon eine Überraschung, aber dass wir um den Sieg mitspielen können, hat mich nicht so überrascht.»
Weil Pätz und Co. von allen Schweizer Teams bis Ende September die besten Resultate ablieferten, dürfen sie nun an der EM antreten. Bei dieser wird ein neuer Modus angewendet. Bisher nahmen zehn Teams teil, die eine Round Robin mit je neun Partien und anschliessenden Halbfinals spielten. Nun sind zwölf Equipen am Start, die in zwei Sechsergruppen eingeteilt werden. Die jeweils zwei besten Teams jeder Gruppe erreichen die Halbfinals. Pätz ist überzeugt, dass eine Medaille herausschaut, wenn das Team sein Potenzial abruft. Insofern ist eine solche das Ziel. Die Reise mit der neuen Equipe hat zwar erst angefangen, aber die Richtung stimmt auf jeden Fall schon einmal.