Super League

Alessandro Mangiarrattis Weg zum Super-League-Trainer

2. Februar 2024, 04:30 Uhr
Trat im Oktober bei Super-League-Aufsteiger Yverdon-Sport die Nachfolge des entlassenen Marco Schällibaum an: Alessandro Mangiarratti
© KEYSTONE/CYRIL ZINGARO
Alessandro Mangiarratti trat im Oktober bei Yverdon seine erste Stelle als Super-League-Trainer an. Der Tessiner fühlt sich wohl am Neuenburgersee - und er will mit dem Aufsteiger in der Liga bleiben.

Die Uhr im Berner Wankdorf zeigt 20.40 Uhr, als Alessandro Mangiarratti die Arme in die Höhe streckt. Es ist eine Geste, die er in diesem Stadion schon öfters machen konnte, schliesslich war der 45-jährige Tessiner bis Ende 2021 Trainer der U-21 der Young Boys und führte diese zum Aufstieg in die Promotion League. An diesem Dienstagabend jubelt Mangiarratti aber nicht mit Gelb-Schwarz, sondern als Trainer des Super-League-Aufsteigers Yverdon-Sport, der gegen YB früh in Führung geht, nach drei Gegentreffern in der Schlussphase aber deutlich 1:5 verliert.

Mangiarratti analysiert das Geschehen im Anschluss nüchtern, sagt, seine Mannschaft habe 70 Minuten gut mithalten können, habe gute Ausgleichschancen gehabt und erst am Schluss etwas den Faden verloren. Wenn er so da sitzt vor dem Mikrofon, könnte man meinen, Mangiarratti habe das in diesem Rahmen schon zigmal gemacht. Doch Alessandro Mangiarratti, der Super-League-Trainer, das ist eine Beschreibung, die noch nicht so lange auf den Mann aus Bellinzona zutrifft.

Pionier in Portugal

Ende Oktober ist es, als er von den Verantwortlichen von Yverdon-Sport kontaktiert und gefragt wird, ob er von Marco Schällibaum das Traineramt übernehmen könne. Mangiarratti gibt im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA zu, dass die Anfrage auch für ihn überraschend gekommen sei, schliesslich hatte der Aufsteiger unter Schällibaum beachtlich gepunktet und sich im Mittelfeld der Tabelle eingereiht. Doch lange überlegen muss Mangiarratti nicht, ob er seine erste Anstellung auf höchster Schweizer Stufe annehmen will. Seit seinem Rücktritt beim Challenge-League-Klub Vaduz ist er da schon fast ein Jahr ohne Job.

Die Lust ist gross, wieder ins Fussballgeschäft einzusteigen - auch wenn der neue Arbeitsort fast vier Stunden von Bellinzona und damit seiner Familie weg ist. Mangiarratti sagt: «Fussball ist meine Leidenschaft, und in diesem Geschäft musst du flexibel bleiben und bereit sein. Wenn du in der Komfortzone arbeiten willst, bist du in diesem Job nicht richtig.» Also verlegt der Vater von drei Kindern seinen Lebensmittelpunkt ans Ufer des Neuenburgersees, wobei er, wenn immer möglich, einen Abstecher ins Tessin macht.

Dieses Verlassen der Komfortzone - es ist etwas, das Mangiarratti auch als Spieler schon gewagt hat. Anfang 2004 wechselt der Innenverteidiger von Wil zu Belenenses, dem drittgrössten Verein Lissabons. Mangiarratti wird zum ersten Schweizer Profifussballer in Portugal. Er spricht noch heute von einer «Riesenerfahrung», auch wenn er aufgrund einer langwierigen Knieverletzung weniger auf dem Platz stehen kann, als er sich es gewünscht hätte. Nach einem Jahr wagt er das nächste Abenteuer und unterschreibt in Mexiko bei Atlas Guadalajara, nach wenigen Monaten kehrt er aber ins Tessin zurück, wo er dann nach seinem Rücktritt beim Team Ticino erste Erfahrungen als Trainer sammelt.

Amorim, De Zerbi, Petkovic

Achteinhalb Jahre sind seither vergangen, und aus dem abenteuerlustigen Verteidiger ist ein Trainer geworden, der in Yverdon gerade sein erstes Abenteuer, wie es Mangiarratti selbst bezeichnet, als Verantwortlicher eines Super-League-Teams erlebt. «Wenn du so eine Möglichkeit erhältst als Trainer, musst du das einfach machen», sagt er. Mangiarratti weiss, dass er einen Underdog trainiert, dass von seiner Mannschaft grundsätzlich nicht viel erwartet wird. Die Phase vor der Winterpause und der Auftakt in die zweite Saisonhälfte, als Yverdon in drei Spielen sieben Punkte holte, zeigen ihm aber, dass mit diesem Team etwas möglich ist. Und das nicht mit einer Taktik, die vielen Aufsteigerteams einverleibt wird, sondern dem Gegenteil davon: Mangiarratti ist ein Trainer, der die Dinge gern spielerisch angeht, der sein Team gern in Ballbesitz sieht und der spielbestimmend auftritt.

Er habe in seiner Karriere viele Trainer erlebt, sagt Mangiarratti. Brightons Roberto De Zerbi fasziniert ihn ebenso wie Pep Guardiola von Manchester City. Von seinem früheren Teamkollegen bei Belenenses und heutigen Coach von Sporting Lissabon, Ruben Amorim, kann er ebenso viel mitnehmen wie von Martin Andermatt, der einst in Wil sein Trainer war, oder von Vladimir Petkovic aus Zeiten in Bellinzona. «Ich will niemanden kopieren», sagt der ausgebildete Sportlehrer, der noch während seiner Aktivzeit ein Sportstudium in Zürich abschloss. «Aber ich versuche, von allen Erfahrungen, die ich machen konnte, das Beste herauszunehmen.»

Vertrauen in die Vereinsführung

Seine Spielphilosophie passe auch gut zu dem, was sich die Klubverantwortlichen um Präsident Jeffrey Saunders und Sportchef Filippo Giovagnoli vorstellten, sagt der Tessiner. Und dabei ist es ihm wichtig zu betonen, dass die Meinung von ihm als Coach in den Diskussionen durchaus gefragt sei, zumal die 17 Transfers im Sommer gegen aussen Fragen aufwarfen, inwieweit die Strategie der sportlichen Führung nachhaltig sei. In diesem Winter gab es immerhin fünf Zuzüge. «Es ist nicht so, wie viele denken, dass einfach von oben etwas entschieden wird.» In diesen Gesprächen gehe es um generelle Dinge wie die Art des Fussballs, der gespielt werden soll, oder neue Ideen für Trainingsmethoden. «Wir diskutieren andauernd über unsere Mannschaft. Und wir versuchen alle zusammen unser Bestes. Yverdon ist am Wachsen.»

Mangiarratti sagt, er spüre im Austausch mit den amerikanischen Besitzern, dass sie längerfristig planen und am Neuenburgersee wirklich etwas aufbauen wollen, inklusive Akademie. «Bei so einem Projekt musst du mittelfristig investieren, um es weiterentwickeln zu können. Das geht nicht von heute auf morgen.» Deshalb geht auch der 45-Jährige davon aus, noch eine Weile fernab der Tessiner Heimat zu bleiben, in dieser Saison mit Yverdon den Ligaerhalt sicherzustellen und den Klub in der höchsten Liga zu etablieren.

Und dann? Auf ins nächste Abenteuer ausserhalb der Komfortzone? «Mai dire mai», sagt Mangiarratti. Sag niemals nie. «Aber ich konzentriere mich jetzt voll auf meine Aufgaben in Yverdon.»

Quelle: sda
veröffentlicht: 2. Februar 2024 04:30
aktualisiert: 2. Februar 2024 04:30