«Warum sollte es reichen, in 89 Jahren einen Titel zu gewinnen?»
Der schwedische Trainer Roger Rönnberg geht in seine zweite Saison als Chefcoach von Fribourg-Gottéron. «Letzte Saison lief nicht alles perfekt», sagt der Perfektionist, trotz des ersten Meistertitels der Vereinsgeschichte.
Mit dem Sieg in der Verlängerung von Spiel 7 in Davos stürzten die Hockeyspieler von Fribourg-Gottéron einen ganzen Kanton in einen Freudentaumel. Der Baumeister der Titelpremiere war gleich in seinem ersten Jahr der schwedische Erfolgs-Coach Roger Rönnberg. Im Interview mit Keystone-SDA blickt der 55-Jährige aus Lulea vor dem Start in die Saison der Bestätigung auf die Herausforderungen und Ziele seines Teams.
Roger Rönnberg, Sie wollen mit Gottéron nach vorne blicken, aber lassen Sie uns kurz auf den Titel zurückkommen. Die Feierlichkeiten haben Sie sehr beeindruckt.
«Ja, es war unglaublich. Mir kamen mehrmals die Tränen, als ich sah, wie wichtig dieser Titel für die Menschen hier war, und er motiviert mich noch mehr als letztes Jahr. Ich fühle mich immer stärker in den Kanton, die Stadt, bei den Fans und in die gesamte Gemeinschaft integriert. Ich fühle mich als Teil davon und bin noch versessener als zuvor, Grosses für den Verein zu erreichen.»
Ist es schwer, nicht übermütig zu werden, wenn man Meister ist?
«Nein! Warum sollte es denn reichen, in 89 Jahren nur einmal den Titel zu gewinnen? Das ist, als würde man sich an einem Tag satt essen und am nächsten Tag keinen Hunger mehr haben. Wir wollen uns mit den Besten messen, wir wollen jedes Jahr gewinnen. Eine neue Saison beginnt: Zuerst erwartet uns eine grosse Herausforderung in der Champions Hockey League (Fribourg gewann vergangene Woche seine ersten beiden Spiele), dann kommt die Meisterschaft. Auf geht's!»
Von «gut» auf «exzellent» verbessern
Also hatte zu Beginn der Saisonvorbereitung niemand Probleme mit der Motivation?
«Nein. Ich denke, Motivation muss man in sich selbst finden. Man muss den Dingen einen tieferen Sinn geben. Der Sieg ist etwas, das man erreicht, nicht etwas, das man sich verdient hat. Er ist das Resultat für die Arbeit. Wir wollen ein Umfeld schaffen, in dem jeder Tag zählt und in dem wir jeden Tag das Notwendige tun. Wir haben darüber gesprochen, wie wir unserer Anwesenheit hier einen tieferen Sinn geben und uns jeden Tag selbst anspornen können, von ‹gut› zu ‹exzellent› zu werden, denn es gibt viele Dinge, die wir im Verein verbessern wollen. Es geht nicht nur um Ergebnisse. Ich weiss, dass das von aussen so wahrgenommen wird. Aber intern haben wir noch viel Arbeit vor uns, um bessere Strukturen zu schaffen.»
Die Pause war sehr kurz. Der Wiedereinstieg ins Training war bestimmt schwieriger als letztes Jahr.
«Nein, in dieser Hinsicht war es nicht anders. Auch wenn wir den Titel gewonnen haben, wollen viele Spieler sich verbessern. Letzte Saison lief nicht alles rund. Wir hatten vor allem mit vielen Verletzungen zu kämpfen. Viele unserer Spieler wollen eine grössere Rolle im Team übernehmen und sich weiterentwickeln. Ihre Motivation schöpfen sie aus sich selbst, aus ihren eigenen Werten. Das ist nichts, was von aussen aufgezwungen wird.»
Waren Sie überrascht, dass zu Beginn der Saisonvorbereitung kein Spieler angetrieben werden musste?
«Nein! Wir haben gute Spieler mit starken Werten. Sie spielen wirklich im besten Interesse des Vereins. Ich habe viele erfahrene Spieler, die ihre grösste Verantwortung darin sehen, dieses neue Kapitel für Gottéron zu schreiben und Teil eines Siegerteams zu sein. Es ist etwas ganz anderes, eine Kultur zu etablieren, die es uns ermöglicht, auch in Zukunft im Titelrennen mitzuspielen.»
Neue Anführer
Sie haben mit Captain Julien Sprunger, der seine Karriere beendet hat, und Goalie Reto Berra, der zu Kloten gewechselt ist, wichtige Stützen des Teams verloren. Können solche Persönlichkeiten ersetzt werden?
«Nein, Reto und Julien, die so viel für diesen Verein bedeutet haben, können wir nicht ersetzen. Andererseits schlagen wir jetzt ein neues Kapitel auf, und ich bin sehr zufrieden mit der aktuellen Mannschaft. Mit den Leitfiguren, allen voran Andrea (Glauser), dem neuen Captain, der auf seine Weise eine hervorragende Führungspersönlichkeit sein wird. Man sollte ihn keinesfalls mit Julien vergleichen. Sie sind völlig unterschiedliche Spielertypen und Persönlichkeiten. Lasst ihn seinen eigenen Weg gehen. Lasst auch Ludovic Waeber seinen Weg als Goalie gehen, ohne ihn mit Reto zu vergleichen.»
Aber der Druck auf Waeber muss enorm sein, mehr als auf jedem anderen Spieler.
«Druck ist ein Privileg; er gehört zum Profisport dazu. Und ich liebe Druck, denn er macht uns besser. Ludo wird hier seinen Weg finden. Er ist ein selbstbewusster junger Mann. Natürlich muss er sich an unseren Spielstil in der Defensive anpassen und lernen, wie die Verteidiger vor ihm agieren. Wir müssen jeden Tag daran arbeiten, gut vor ihm zu verteidigen, denn kein Goalie ist alleine gut.»
Was ist das Ziel für diese Saison? Den Titel zu verteidigen?
«Nein. Es bleibt natürlich das Ziel, Siege aneinanderzureihen. Wir können nicht in eine Saison starten, ohne zutiefst davon überzeugt zu sein, dass wir am Ende gewinnen können. Aber darüber hinaus wollen wir in unseren Trainingsmethoden und in der Art und Weise, wie wir eine positive Atmosphäre in der Garderobe schaffen, wie schon einmal erwähnt von ‹gut› zu ‹exzellent› werden.»
«Wollen wieder Meister werden»
In der Pressekonferenz des Vereins sagten Sie, Sie wollten den Schweizer Meisterpokal nicht mehr sehen. Eine erstaunliche Aussage...
«Im Kanton wurde den ganzen Sommer über viel gefeiert. Es war unglaublich zu sehen, wie glücklich die Menschen waren. Aber wir als Team, Spieler und Trainer, wollen diesen Pokal erneut gewinnen. Wir wollen ihn jetzt nicht noch einmal sehen. Wir können nicht in der Vergangenheit schwelgen und weiterfeiern, wo die neue Saison doch schon begonnen hat.»