Ein Abend im Ohr des Video-Schiedsrichters
Es ist eine Thematik, über die in der Fussballwelt Wochenende für Wochenende teils emotional debattiert wird: der Video Assistant Referee, kurz VAR. 2018 führte der Weltfussballverband FIFA die Rolle des Videoschiedsrichters offiziell ein. Ein Jahr später, zu Beginn der Saison 2019/2020, wurden auch die Stadien der Schweizer Super League für den Einsatz von unterstützendem Videomaterial aufgerüstet.
Es gab Stimmen, die behaupteten, mit der Einführung des VAR werde der Fussball klinisch und emotionslos gemacht, weil dann emotionale Debatten und legendäre, fussballhistorische Momente wie Maradonas «Hand Gottes» oder das Wembley-Tor gar nicht mehr möglich sein sollten. Es sind Bedenken, die sich in den letzten Jahren nicht bewahrheitet haben.
Fussball weckt Emotionen wie eh und je – eben gerade darum, weil zwar zig technische Hilfsmittel zur Verfügung stehen, hinter den Bildschirmen und an den Knöpfen aber immer noch Menschen sitzen. Menschen, die Fehler machen können.
Das «Gipfeli-Image»
Es ist etwas, das sich schwer in die Hirnrinde des gemeinen Fussballfans einbrennen lässt. Denn eben: Schliesslich hatte «man» ja behauptet, der Fussball werde mit dem VAR gerechter und Fehler quasi bis zur Inexistenz eliminiert. Selbst Experten wie ein nationaler Rekordtorschütze und ausgebildeter Käsesommelier hatten in Fernsehstudios immer mal wieder die polemisch angehauchte Frage aufgeworfen, ob die Videoschiedsrichter bei einem strittigen Entscheid wohl gerade «am Gipfeli holen» gewesen seien.
Beim Schweizerischen Fussballverband ist man sich dieser Diskussionen durchaus bewusst, und die Verantwortlichen im SFV wissen auch, dass die Räumlichkeiten des Video Operation Room (VOR) in Volketswil, von wo aus die Videoschiedsrichter die Partien verfolgen, und was darin passiert und besprochen wird, nur für einen erlauchten Kreis zugänglich sind.
Intim wie in der Garderobe
Auch deshalb lädt der SFV am Mittwochabend an seinem Hauptsitz im Haus des Fussballs in Muri ein. Es sollen Einblicke gewährt werden in die Arbeit der VAR. Anders als im Ausland, wo sich Schiedsrichter auf Einsätze als VAR spezialisieren können, werden die Schiedsrichter in der Schweiz sowohl auf dem Feld als auch hinter den Bildschirmen eingesetzt, wobei in diesem Bereich eine Professionalisierung angestrebt wird. Fedayi San gehört zu den erfahrensten Videoschiedsrichtern des Landes. Seine Expertise wird so geschätzt, dass er international ausschliesslich als VAR zum Einsatz kommt.
Der dritte Stock des SFV-Hauptsitzes ist für diesen Abend in einen kleinen VOR umgebaut worden: mehrere Bildschirme, die Spielszenen aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen, sowie eine direkte Verbindung zur Kommunikation zwischen Schiedsrichter und seinen Assistenten, aber auch zum VOR in Volketswil. Doch die Verantwortlichen präsentieren nicht Bild und Ton aus der Konserve, sondern Livematerial aus Genf, wo Servette gegen Lausanne-Sport mit einer Nachholpartie ins neue Jahr startet.
«Es ist wie in der Garderobe einer Fussballmannschaft», sagt Sascha Amhof. «Was ihr sehen und hören werdet, ist sehr intim.» Amhof stand selbst lange als Schiedsrichter auf dem Platz. Heute ist er im Verband für das Ressort Schiedsrichter zuständig. Unter anderem fällt da auch die Weiterbildung der Schiedsrichter in seinen Aufgabenbereich.
Fakten statt Gefühle
In der Winterpause reisten die Schiedsrichter für ein Trainingslager nach Zypern. Neben der Arbeit auf dem Platz stand auch viel Theorie im Programm. Auch Amhof stand dabei als Dozierender im Einsatz und brachte den Teilnehmenden unter anderem näher, worauf sie als VAR zu achten haben.
Der Aargauer präsentiert ein Modell, das aus drei Phasen besteht: der «Awareness-Phase», der «Decision-Making-Phase» und der «Communication-Phase». In ersterer gehe es darum, eine Situation genau zu beschreiben und alle Faktoren wie Offside oder ein vorangegangenes Foul zu berücksichtigen. In der zweiten werde dann vom VAR und seinem Assistenten entschieden, ob eine Intervention nötig sei. Und schliesslich würde dies kommuniziert. Amhof betont, wie wichtig es ist, sich in diesem Prozedere nicht von Emotionen leiten zu lassen. «Wer sich als VAR auf Gefühle und nicht auf Fakten verlässt, ist schnell weg vom Fenster.».
Am Mittwoch sind Sven Wolfensberger und Julian Müller als VAR und AVAR im Einsatz und unterstützen Sandro Schärer und seine Assistenten Stéphane De Almeida und Jonas Erni. Kurz bevor der Ball rollt, erkundigt sich Wolfensberger bei Schärer, ob er ihn hören könne. Und als dieser nach einem knappen «Ja» die Partie freigibt, geht auf den Kommunikationskanälen ein Stimmenwirrwarr los.
DOGSO oder nicht?
Liegt etwa ein PAI vor, ein penalty area incident, also eine Strafraumszene? Oder ein IUA, ein illegal use of arms, also ein unerlaubter Einsatz der Arme? Ist dieses Foul einfach ein Allerweltsfoul, oder doch ein SFP, ein serious foul play, also ein grobes Foulspiel? Und hat der Verteidiger sauber interveniert oder sich doch eines DOGSO schuldig gemacht, was so viel heisst wie denying of a goal scoring opportunity, also das Verhindern einer Torchance.
Wer Schiedsrichtern über die Schultern schaut, taucht voll ein in den Jargon der Unparteiischen, der eines der beliebtesten Spiele dieser Welt auf einmal viel komplexer erscheinen lässt als ein Ball, zwei Teams, zwei Tore.
Sieben Kameraperspektiven stehen dem VAR und dem AVAR an diesem Abend zur Verfügung. Unterstützt werden sie von einem Replay Operator, der sich darum kümmert, schnell Wiederholungen potenziell strittiger Szenen einzuspielen.
Wie in der elften Minute, als Lausannes Karim Sow einen Schuss von Timothé Cognat blockt. «Handball» ist das mögliche Vergehen. Wolfensberger sieht aber, dass Sows Arm am Körper angelegt war. «Check over», sagt er Schärer aufs Ohr, der den VAR nur dann hört, wenn Wolfensberger den entsprechenden Knopf drückt.
«Achtung, Guillemenot kommt»
Es ist ein Abend, an dem das Schiedsrichtergespann weder auf dem Feld noch im VOR in die Bredouille gerät. Auch dann nicht, wenn in der Schlussphase der Spieler eingewechselt wird, der Wolfensberger seine Kollegen vorwarnen lässt: «Achtung, Guillemenot kommt.» Servettes Offensivspieler haftet das Image an, auch dann zu Boden zu gehen, wenn kein Foulspiel vorliegt.
Guillemenot fügt sich dann aber anderweitig in die Begegnung ein: «Kill, kill, kill», ruft Schärer und fordert seinen Assistenten damit nicht auf, einen Mord zu begehen, sondern seine Fahne zu heben, damit Chef Schärer die Partie mit einem Offsidepfiff unterbrechen kann.
Wenig später beendet Schärer das Spiel. Wolfensberger hatte sich mit ihm und dem vierten Offiziellen Zrinko Prskalo auf drei Minuten Nachspielzeit verständigt und schliesslich die letzten Sekunden laut heruntergezählt, damit Schärer pünktlich abpfeifen kann.
«Für euch», sagt Dani Wermelinger, «war es jetzt vielleicht etwas langweilig, weil alles so problemlos gelaufen ist.» Der Leiter des Ressorts Spitzenschiedsrichter lacht. Er weiss, dass dies in der Vorrunde der Super-League-Saison nicht immer der Fall war und einige Fehlentscheide nicht korrigiert wurden. «Wir haben sicher nicht das Punktemaximum erreicht», sagt Wermelinger. «Aber wir sind im vorderen Drittel der Rangliste.»
Insgesamt 75 Mal habe der VAR in der Vorrunde interveniert, in 72 Fällen wurde ein ursprünglicher Entscheid revidiert. Im letzten Jahr lagen diese Werte bei 100 beziehungsweise 92. Wermelinger deutet diese abnehmende Tendenz positiv, sagt aber auch: «Die Anzahl Interventionen ist nur bedingt relevant. Das Wichtigste ist, dass der Entscheid am Ende richtig ist.»
Es ist eine Prämisse, die wohl auch 2026 nicht vollumfänglich wird eingehalten werden können. Es wäre aber auch schade um die ganzen Diskussionen. Irgendwie.