Samuel Giger tritt in die Fussstapfen von Karl Meli
Etwas mehr als zwei Minuten brauchte Giger, um den Schlussgang gegen den überraschenden Marcel Bieri für sich zu entscheiden. Mit seinem unwiderstehlichen Kurzzug hob er den Innerschweizer aus den Angeln, fixierte ihn und bettete ihn platt ins Sägemehl.
«Es sind Emotionen, die heraufkommen, pure Freude, die man gar nicht beschreiben kann», sagte Giger nach seinem Triumph. Es war der Schlusspunkt eines Comebacks, das in historischem Ausmass gipfelte. Der Thurgauer ist erst der zweite Schwinger nach Karl Meli (1967, 1973), der den prestigeträchtigen Anlass zweimal in Folge gewinnen konnte. Für Giger ist es der dritte Sieg an einem Fest mit eidgenössischem Charakter. 2023 triumphierte er auch am Unspunnen-Fest.
Vom Fragezeichen zum Ausrufezeichen
«Der Sieg hier kommt jenem am Unspunnen sehr nahe», beschrieb Giger den Stellenwert des zweiten Titels in Kilchberg. «Es ist anders, weil ich lange kein Schwingfest bestreiten konnte.»
Der Triumph des Nordostschweizers kommt nicht überraschend. Und doch standen hinter dem 28-Jährigen vor dem Saisonhöhepunkt Fragezeichen. Schliesslich hatte er seit dem Luzerner Kantonalen Mitte Mai aufgrund einer Schulterverletzung keine Ernstkämpfe mehr bestritten.
«Klar habe ich darauf hingearbeitet, dass es genau so aufgeht. Im Sport hat man aber nie eine Garantie. Heute war ein optimaler Tag.» Die Routine, die er mittlerweile habe, gebe ihm Ruhe und Sicherheit. Und doch sei ein Kribbeln dagewesen in dieser Woche: «Ich habe mich richtig gefreut, endlich wieder schwingen zu dürfen.»
Musste sich Giger 2021 den Sieg noch mit Damian Ott und Fabian Staudenmann teilen, schwang er diesmal alleine obenaus. Im Anschwingen machte er mit dem Emmentaler Matthias Aeschbacher kurzen Prozess. Danach bodigte er auch Sinisha Lüscher, ehe er im 3. Gang gegen Michael Ledermann den Kürzeren zog. Nach dem Mittag bezwang er Patrick Betschart und den jungen Berner Mitfavoriten Michael Moser, den er spektakulär ins Sägemehl bettete.
Bieri überrascht, Staudenmann enttäuscht
Marcel Bieri hatte sich seinen Platz in der Endausmarchung durch einen überraschenden Plattwurf im 5. Gang gegen König Armon Orlik verdient. Nach dem 2. Gang und der Niederlage gegen den Nordostschweizer Damian Ott hatte noch wenig auf Bieri als Schlussgangteilnehmer hingedeutet. Durch Siege gegen Lario Kramer, David Scheuner, Josias Müller und eben Orlik hielt Bieri die Innerschweizer Fahne bis zuletzt hoch.
Im Schlussgang musste der Zuger jedoch die Stärke von Giger anerkennen. Trotz der Niederlage blieb dem 31-Jährigen der Ehrenplatz, noch vor dem Berner Mitfavoriten Michael Moser, der das Fest mit vier Siegen, einem Gestellten (im Anschwingen gegen Werner Schlegel) und einer Niederlage (gegen Giger) im 3. Rang beendete.
Ein - gemessen an den Ergebnissen in dieser Saison - enttäuschendes Fest zeigte der Berner Fabian Staudenmann. Der mit sechs Kranzfestsiegen beste Schwinger des Jahres verabschiedete sich nach seinem zweiten Gestellten bereits nach dem Mittag aus dem Rennen um den Schlussgang. Mit drei Punkteteilungen kam der Co-Sieger von 2021 nicht über den 4. Rang hinaus. Diesen teilte er sich mit dem Innerschweizer Lukas Bissig, dem Südwestschweizer Lario Kramer sowie den Nordwestschweizern Joel Strebel und Nick Alpiger.
Auch Orlik und Schlegel geschlagen
Ebenfalls Enttäuschungen setzte es für Armon Orlik und Werner Schlegel ab. Der Bündner Schwingerkönig belegte mit zwei Gestellten und einer Niederlage den 6. Schlussrang mit gleich vielen Punkten wie der Berner Adrian Walther. Schlegel, vor einem Jahr noch Schlussgangteilnehmer am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest (ESAF) in Mollis, musste wie Staudenmann drei Gestellte hinnehmen und teilte sich den 7. Rang mit Damian Ott, einem der Co-Sieger vor fünf Jahren.