Portmann über seinen Weg vom Lehrer zum Trainer
Bis vor vier Jahren war Portmann noch als Lehrer tätig und trainierte nebenbei Amateur-Teams. Dann kam die Anfrage des FC Luzern, eine Vollzeitstelle im Nachwuchs anzunehmen. Portmann hörte auf sein Bauchgefühl und entschied sich gegen den sicheren Lehrerjob und für das eher unplanbare Fussballgeschäft.
Als es nach der letzten Saison darum ging, einen Nachfolger für Mario Frick zu suchen, überraschte der Klub die Öffentlichkeit und präsentierte den ausserhalb des Vereins weitgehend unbekannten Portmann, der die UEFA-Pro-Lizenz erst noch abschliessen musste.
Der 49-Jährige, der seinen Spitznamen «Udo» seiner damaligen Haarpracht und dem Lied «Siebzehn Jahr, blondes Haar» von Udo Jürgens verdankt, hat nun die ersten Wochen als Super-League-Trainer hinter sich. Nach dem Fehlstart mit zwei Niederlagen hat sich sein Team gefangen und zuletzt YB im Wankdorf an den Rand einer Niederlage gebracht.
Udo Portmann, der kommende Gegner aus Basel hat in sieben Runden zehn Punkte geholt, einen mehr als Luzern. Trotzdem wurde in dieser Woche Trainer Stephan Lichtsteiner freigestellt. Was sagt das über den Schweizer Fussball aus?
«Ich möchte nicht von einem Einzelfall, zu dem ich null Hintergründe habe, auf das Ganze schliessen. Was man sicher sagen kann: Unsere Zwölferliga ist enorm ausgeglichen. Zudem führt der Modus mit der Tabellenteilung nach 33 Runden dazu, dass es quasi kein Tabellenmittelfeld gibt. Der Druck ist an jedem Spieltag enorm hoch. Und dann kommen die Erwartungen der jeweiligen Klubs hinzu.»
Trotzdem wirkt es von aussen, als sei der Trainerjob oft undankbar. Empfinden Sie das auch so?
«Im Gegenteil. Ich finde diesen Job extrem erfüllend. Es hat nichts Undankbares an sich, mit Spitzenathleten auf ein Ziel hinzuarbeiten, ein Team formen zu dürfen, ein Team-Gefühl zu entwickeln und zu spüren. Aber klar, der Resultatdruck ist da.»
Sie sind selbst ja schon in der medialen Kritik gestanden, nachdem die ersten beiden Spiele der Saison verloren gingen.
«Ich verstehe, dass man bei meinem Werdegang besonders hinschaut. Innerhalb des Teams fühlten sich die beiden Niederlagen aber ganz anders an, als wenn man nur auf die Tabelle schaut. Ich war nie nervös, aber natürlich haben wir vieles hinterfragt: Waren die Match-Pläne nicht gut? Was können wir verändern? Das gehört einfach dazu, und das machen wir auch nach guten Spielen wie zuletzt in Bern.»
Ihr Team hat YB im Wankdorf an den Rand einer Niederlage gebracht. Was ist Ihnen dabei durch den Kopf gegangen?
«Es ist während des Spiels und unmittelbar danach schwierig, die Leistung einzuschätzen. Gerade bei einem Team wie YB mit dieser Offensiv-Power. Da schaute ich nonstop, ob wir richtig stehen und den nächsten Angriff irgendwie unterbinden können. Aber ganz ehrlich: In ruhigeren Minuten war ich einfach nur stolz darauf, wie dieses junge Team in diesem Hexenkessel performt.»
YB ist ein Meisterkandidat. Teilen Sie die Meinung?
«Wenn das Team die PS auf den Platz bringen kann, ist es schwer zu schlagen. Allerdings muss YB damit klarkommen, ständig in der Favoritenrolle zu sein.»
Was ist der FC Luzern?
«Der FC Luzern ist eine Mannschaft, die - wenn alle Rädchen ineinandergreifen - gegen jede Mannschaft bestehen kann. Gerade mit dem Punkt in Bern hat das Team gezeigt, dass einiges in ihm steckt. Weil wir sehr jung sind, teilweise wechsle ich fast noch Junioren ein, besteht die Gefahr, dass wir unsere Fähigkeiten nicht jedes Wochenende beständig abrufen können. Oder dass wir innerhalb der 90 Minuten einige Hänger haben, die es in dieser Liga nicht leiden mag. Wenn wir aber zur Konstanz finden, haben wir eine Mannschaft, die den einen oder anderen noch überraschen wird.»
Wenn Sie teilweise fast Junioren einwechseln, hat sich ja wenig verändert für Sie.
«Das war natürlich eine zugespitzte Formulierung. Aber es ist klar: Wir leben über die Jugendlichkeit und die Gier, der Liga zeigen zu wollen, dass wir bestehen können.»
Stephan Lichtsteiner hat als Trainer sicher auch von seinem Namen profitiert, den er sich dank einer eindrücklichen Profikarriere gemacht hat. Sie sind schon fast die Antithese. Sollten mehr Klubs dem Beispiel des FC Luzern folgen?
«Ich bin der Letzte, der Empfehlungen geben kann. Aber für mich ist es schön, wenn sich ein Verein einer gewissen Philosophie und gewissen Werten verschreibt. Und beim FC Luzern setzt man schon länger auf den ‹Innerschweizer-Weg›, was beinhaltet, auf den eigenen Nachwuchs zu setzen, um eine Konstanz zu erhalten. Einen Luzerner Trainer aus dem eigenen Nachwuchs für die erste Mannschaft zu nehmen, ist quasi ein Teil dieses Weges. Vielleicht kommen andere Vereine dadurch auch darauf, dass im ‹eigenen Stall› durchaus auch fähige Leute zu finden sind.»
Kaum ein anderer Klub setzt so konstant auf den eigenen Nachwuchs wie Luzern. Verdammt dieser, sozusagen, verbandsdienliche Weg den Klub dazu, nie über das Tabellen-Mittelfeld hinauszukommen?
«Es greift zu kurz, zu sagen: Wir bilden sie aus, verkaufen sie und sind halt dadurch nicht so gut. Der Ehrgeiz, mal wieder einen Titel gewinnen oder europäisch spielen zu wollen, gehört auch zu unserer Vision und wir sind ambitioniert. Sicher ist aber: Der Druck, Titel zu gewinnen, ist bei dieser Philosophie nicht gleich hoch. Man hat in der Vergangenheit immer wieder gesehen, dass man beim FC Luzern nicht sofort nervös wird, wenn die Mannschaft mal eine schlechtere Phase hat. Dadurch kann eine Ruhe entstehen, aus der etwas Gutes entstehen kann.»
Wer wird der nächste Nationalspieler aus Luzern?
«Da sage ich keinen Namen, auch wenn Sie mir eine 50er-Note hinlegen würden. Ich finde es nicht gut, einzelne Spieler herauszupicken - auch wenn ich es könnte. Aber das wäre für den Spieler nicht gut, weil er dann entweder zu selbstsicher wird oder dann zu viel Druck auf ihm lastet. Vor allem aber sind die Entwicklungen der Spieler oft kaum vorauszusehen. Es gab mit Luca Jaquez oder Ruben Vargas schon Beispiele für Spieler, die im Nachwuchs nicht zu den Top-Leuten gehörten, einige Rückschläge erlebten, nun aber an der WM dabei waren.»
Nicht an die WM, aber auch schon ins Nationalteam geschafft, hat es Pascal Loretz. Er erlebt bei Hannover gerade eine schwierige Zeit. Hatten Sie noch Kontakt mit ihm?
«Kontakt hatte ich nicht. Aber es ist ein Ritual von mir, wenn ich mal eine halbe Stunde Zeit habe, all die Leute, die bei uns waren, zu verfolgen. Und ja, das ist extrem hart für ihn. Das ist womöglich das Risiko beim Sprung ins Ausland. Nach 90 Minuten kann schon alles infrage gestellt werden. Aber Pasci ist gefestigt genug, da gestärkt herauszukommen. Ich mache mir keine Sorgen um ihn.»
Ist der Sprung ins Ausland auch ein Traum von Ihnen? Diese Frage kommt wohl noch etwas früh...
«Sie haben die Antwort bereits gegeben, ich muss mich zuerst hier richtig einfinden. Ausserdem war für mich schon immer klar, dass ich für das Team, bei dem ich verantwortlich bin, der allerbeste Trainer sein möchte. Ich wollte nie ein paar Spiele gewinnen, um dann vielleicht woanders zum Thema zu werden. Das war schon beim FC Eschenbach in der 2. Liga interregional so. Oder auch bei den U15 hier in Luzern, das waren wirklich noch Kinder. Ich wollte einfach für diese 14-jährigen Jungs da sein und habe nicht überlegt, dass ich vielleicht mal die U18 bekomme, wenn ich hier Erfolg habe. Diese Einstellung hat sich für mich extrem bewährt, deshalb werde ich nie davon abweichen.»
Sie haben mal gesagt, es sei für jemanden wie Sie enorm schwierig, einen Job in der höchsten Liga zu erhalten. Hat Sie das besonders angetrieben?
«Es hat mich nie daran gehindert, mir Ziele zu setzen und Visionen zu haben. Aber ja, es ist schwierig. Ich habe sicher eine Konstellation vorgefunden, die man nicht planen kann. Ich konnte nur planen, das Beste in meinem Job zu geben.»
Sie sind sicher für viele ein Vorbild geworden.
«Ich habe Reaktionen von Nachwuchstrainern aus der ganzen Schweiz erhalten. Viele sagten mir, sie hoffen, dass ich möglichst viel gewinne, damit andere Vereine ebenfalls auf ihre Nachwuchs-Coaches aufmerksam werden. Aber wie gesagt: Ich kann niemandem raten, wie es klappen kann. Jeder hat seinen Weg, und mein Weg hat mich hierhin geführt.»
Von den Regionalplätzen ins volle Wankdorf. Wie kommen Sie mit der veränderten Umgebung klar?
«Ganz ehrlich: Als ich hier den Zuschlag erhalten habe, habe ich mich schon gefragt, wie ich auf die grossen Stadien in Bern und Basel oder auf heisse Duelle wie gegen St. Gallen reagieren werde. Es ist ein superschönes Gefühl, die Mannschaft auf dieser Bühne anzuführen. Aber sobald das Spiel begonnen hat, bin ich so in meiner Aufgabe drin, dass ich vom Rundherum erstaunlich wenig wahrnehme.»
Wie hat sich Ihr Privatleben verändert?
«Bis jetzt nicht gross. Zum Beispiel bin ich in diesem Sommer oft am Abend noch irgendwo in den See gesprungen, aber kaum angesprochen worden. Natürlich gibt es allgemein mehr Termine, und ich bin öfter weg als davor. Aber die Kids sind jetzt schon im Teenager-Alter und daher auch mal happy, wenn der Vater eine Stunde länger fort ist.»
Zum Abschluss: Der Trainerjob ist nicht undankbar, aber er ist ...?
«Fordernd. Fussball ist der letzte Gedanke, bevor ich einschlafe, und der erste, nachdem ich aufgewacht bin. Das muss man wissen. Wenn das nicht belastet, ist es ein sehr dankbarer Job.»