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Verteidigung der Ukrainer unter starkem Druck

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Verteidigung der Ukrainer unter starkem Druck

28. April 2024, 20:29 Uhr
Polizisten stehen nach einem russischen Raketenangriff in Charkiw vor einem Krater. Foto: Yakiv Liashenko/AP/dpa
© Keystone/AP/Yakiv Liashenko
Vor dem Eintreffen neuer westlicher Waffenlieferungen geraten die ukrainischen Verteidiger im Osten des Landes immer mehr in Not gegen die russischen Angreifer. Das russische Verteidigungsministerium in Moskau meldete am Sonntag die Eroberung der kleinen Ortschaft Nowobachmutiwka im Gebiet Donezk; auch ukrainische Militärbeobachter schlugen auf ihren Karten den Ort nordwestlich der im Februar geräumten Stadt Awdijiwka den Russen zu. «Die Lage an der Front hat sich verschärft», schrieb der ukrainische Oberbefehlshaber Olexander Syrskyj am Sonntag auf Facebook. Der Feind greife in mehreren Stossrichtungen an und habe sich ein Übergewicht an Menschen und Material verschafft. In einigen Bereichen erzielten die Russen «taktische Erfolge».

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rief den Westen einmal mehr zur verstärkten Lieferung von Flugabwehrwaffen auf. Russische Luftangriffe in der Nacht auf Samstag hätten auf das Gastransitsystem seines Landes gezielt, sagte er in einer Videobotschaft. Der polnische Aussenminister Radoslaw Sikorski forderte von Bundeskanzler Olaf Scholz, umzudenken und der Ukraine Marschflugkörper vom Typ Taurus zu geben. Scholz blieb bei einem SPD-Wahlkampfauftritt in Hamburg am Samstag aber bei seiner Ablehnung.

Ukrainische Frontlinie unter Druck

«Entlang der gesamten Frontlinie wurde in dieser Woche weiter heftig gekämpft», schrieb Oberbefehlshaber Syrskyj. «Die Lage ändert sich dynamisch - in einigen Gebieten hat der Feind taktische Erfolge erzielt, in anderen Gebieten konnten wir die taktische Position unserer Truppen verbessern.» Die russischen Streitkräfte berichteten schon am Samstag, dass sie nach der Einnahme einzelner Ortschaften im Gebiet Donezk tief in die Verteidigung der ukrainischen Armee eingedrungen seien. Die Angaben waren nicht überprüfbar. Auch ukrainische Medien berichteten am Samstagabend, dass Russland etwa das Dorf Berdytschi erobert habe und sich auch in dem Ort Otscheretyne festsetze.

Westliche Militärexperten beobachten ebenfalls ein Vorrücken der russischen Truppen. «Russland wird absehbar spürbare taktische Gewinne erzielen in den kommenden Wochen, während die Ukraine darauf wartet, dass US-Unterstützung an der Front ankommt», analysierte das Institut für Kriegsstudien (ISW) in den USA. «Aber es bleibt unwahrscheinlich, dass russische Kräfte die ukrainische Verteidigung überwinden.» Die USA hatten nach monatelanger Blockade vergangene Woche ein milliardenschweres Hilfspaket beschlossen.

Angriffe auf Gasleitungssystem der Ukraine

Selenskyj beklagte russische Angriffe auf das Gastransitsystem seines Landes. Es seien Objekte angegriffen worden, über die Gas durch die Ukraine in die Europäische Union geleitet werde, sagte er. Ungeachtet des seit mehr als zwei Jahren andauernden russischen Angriffskrieges fliesst weiter Gas der Rohstoffgrossmacht durch die Ukraine - wenn auch in deutlich geringeren Mengen.

Die Ukraine brauche mehr Flugabwehrsysteme vom US-Typ Patriot, sagte Selenskyj. «Die Ukraine braucht sieben Systeme, das ist das absolute Minimum. Unsere Partner haben diese Patriots.» Es dürfte sich um zusätzliche Forderungen handeln. Mitte April hatte Deutschland der Ukraine die Lieferung eines dritten Patriot-Systems zugesagt.

Russland und die Ukraine überzogen einander in der Nacht zum Sonntag mit Drohnenangriffen. In der südukrainischen Stadt Mykolajiw wurde nach Angaben von Gouverneur Witalij Kim ein Hotel und ein Objekt der Energieversorgung getroffen. Auf russischer Seite wurden angeblich ukrainische Drohnen zum Absturz gebracht, bevor sie ein Treibstofflager im Gebiet Kaluga treffen konnten.

Polens Aussenminister setzt auf Taurus-Freigabe durch Scholz

Auf mehr westliche Entschlossenheit hofft auch Polens Aussenminister Sikorski. Er setzt nach der Lieferung weitreichender US-Raketen an die Ukraine darauf, dass Bundeskanzler Scholz doch noch seine Meinung ändert und dem angegriffenen Land deutsche Taurus-Marschflugkörper nicht länger verweigert. «Ich hoffe, der Kanzler fühlt sich durch die Ereignisse der letzten Tage ermutigt», sagte Sikorski in einem Interview der «Bild am Sonntag» und anderer Axel-Springer-Medien in Warschau. Die Lieferung von US-ATACMS-Raketen an die Ukraine bezeichnete Sikorski als «Reaktion auf die russische Eskalation» in der Ukraine, auf die auch Deutschland reagieren müsse.

Vor wenigen Tagen war bekannt geworden, dass die Ukraine von den USA weitreichende ATACMS-Raketen erhalten hat. Scholz lehnt es indes strikt ab, der Ukraine Taurus-Marschflugkörper zu liefern. Er befürchtet, dass Deutschland bei Bereitstellung der Raketen mit einer Reichweite von 500 Kilometern in den Krieg hineingezogen werden könnte.

Quelle: sda
veröffentlicht: 28. April 2024 20:29
aktualisiert: 28. April 2024 20:29