Körperverletzung

Mutmassliche Quäl-Eltern von Horgen: «Wir waren am Anschlag»

15. Januar 2024, 15:50 Uhr
In Horgen stehen Eltern vor Gericht, die bei ihrer Tochter ein «erniedrigendes Erziehungs- und Strafsystem» angewendet haben sollen. Die Staatsanwaltschaft fordert für beide vier Jahre Freiheitsstrafe. (Archivbild)
© KEYSTONE/WALTER BIERI
Die beschuldigten Eltern, die sich am Montag vor dem Bezirksgericht Horgen wegen ihrer drakonischen «Erziehungsmassnahmen» verantworten mussten, haben die jahrelange Gewalt gegenüber ihrer Tochter grösstenteils zugegeben. Das Mädchen sei so schwierig gewesen.

Ihre Tochter sei rebellisch gewesen und habe alles hinterfragt. «Wir waren überfordert und am Anschlag», räumte der 45-jährige Vater bei der Befragung ein. «Ja, ich habe sie geschlagen.» Er habe seine Tochter aber nie gewürgt oder mit der Faust geschlagen, wie ihm hier vorgeworfen werde. «Nur mit der flachen Hand.»

Die 44-jährige Mutter gab ebenfalls zu, immer wieder Gewalt angewendet zu haben. «Ich habe ihr aus Überforderung weh getan.» Und das ausgerechnet von ihr, die als Kind selber immer wieder spitalreif geprügelt worden sei, sagte die Hausfrau weiter.

«Zum Abkühlen» nach draussen gesperrt

In ihrer Überforderung hätten sie sich an den Elternnotruf und an den Kinderarzt gewandt, sagte der Vater. Dort sei ihnen geraten worden, die Kinder «zum Abkühlen» auch mal ins Freie zu stellen.

Gemäss Anklage wurde die Tochter aber für ganze Tage nach draussen gesperrt, im Winter ohne Schuhe und Jacke. Die mittlerweile volljährige Tochter erzählte in der Befragung, dass sie dann jeweils im Hasenstall, im Keller oder im Auto Schutz gesucht habe.

Die Studentin sagte aus, dass sie sich an keine Zeit ohne Gewalt erinnern könne. Ab einem Alter von fünf Jahren sei sie immer wieder gewürgt, geschlagen oder getreten worden. «Sie stiessen mich die Treppe hinunter und sperrten mich mit Klebeband gefesselt und geknebelt in den Keller.» Ihr Vater soll ihr Milchzähne ausgeschlagen haben, zudem habe sie vom Boden essen müssen.

«Sie hat alles zu schlimm in Erinnerung»

Der Vater entgegnete, dass seine Tochter «alles viel zu schlimm in Erinnerung habe». Erklären könne er sich das damit, dass sie immer gerne Polizei-Serien geschaut habe, da schnappe ein Kind ja vieles auf. Milchzähne habe er dem Mädchen nie ausgeschlagen.

Die Tochter leidet gemäss eigenen Aussagen heute noch stark unter den drakonischen «Erziehungsmethoden». «Es gibt Tage, da schaffe ich es kaum aus dem Bett», sagte sie unter Tränen. Sie sei mit alltäglichen Sachen überfordert, habe Probleme im Studium. Sie macht eine Therapie und nimmt Antidepressiva.

Die Staatsanwaltschaft fordert für Vater und Mutter vier Jahre Freiheitsstrafe wegen schwerer Körperverletzung. Der Anwalt des Vaters findet eine Geldstrafe wegen Körperverletzung angemessen. Die Anwältin der Mutter fordert einen vollen Freispruch.

Quelle: sda
veröffentlicht: 15. Januar 2024 11:04
aktualisiert: 15. Januar 2024 15:50