Kundgebung in Bellinzona nach zwei mutmasslichen Femiziden
Zahlreiche Frauen, aber auch Männer und Tessiner Grossrätinnen und Grossräte nahmen an der Kundgebung des feministischen Tessiner Kollektivs «Io l'8 ogni giorno» - «Ich kämpfe jeden Tag» - gegen Gewalt gegen Frauen auf der Piazza Governo in Bellinzona teil. Der Anlass fand am Rande der monatlichen Sitzung des Tessiner Grossen Rates statt.
129 Daten, Ortschaften und Altersangaben lasen die Organisatorinnen vor. 129 Femizide - so viele werden seit Anfang 2020 schweizweit gezählt. Seither bestehe hierzulande offenbar ein Bewusstsein für diese geschlechtsspezifische Gewalt, so die Organisatorinnen. Genau so viele Femizide zählt auch die überregionale Internetseite «Stopfemizid.ch».
Die Gesellschaft habe Mühe mit der Tatsache, dass Frauen selbstbestimmt leben möchten, sagte eine der Rednerinnen. Sie appellierte nicht nur an die Politik, mitzuhelfen, die Gewalt an Frauen zu stoppen, sondern auch an die Journalisten. Denn die in diesem Jahr verübten zwei Femizide im Tessin hätten gezeigt, dass Medienschaffende Mühe bekundeten, die Dinge beim Namen zu nennen.
Von einer «Bluttat» sei die Rede gewesen, als am 13. Februar publik wurde, dass ein Ehepaar ums Leben kam und die Frau zuerst starb. Alles beginne damit, die Sprache zu ändern, sagte das Mitglied von «Io l'8 ogni giorno».
Kritik an der Erziehung
An der Kundgebung am Rande der monatlichen Tessiner Grossratssitzung ergriff auch die Tochter der vor 11 Tagen ermordeten Frau das Wort. Ihre Mutter habe nicht an den Feminismus geglaubt, sagte sie. Ihre Mutter habe «das Monster» geheiratet und gehofft, damit das Richtige zu tun.
Die junge Frau kritisierte die Erziehung, insbesondere auch in der Schule. Man müsse den Mädchen konsequent beibringen, dass sie einen Wert hätten, auch ohne eine gesellschaftliche Funktion zu erfüllen. Denn bevor eine Frau eine Frau sei, sei sie immer zuerst eine Mutter oder eine Liebhaberin oder eine Ehefrau. Das habe man auch an den Olympischen Winterspielen Mailand Cortina gesehen: Die Gewinnerinnen seien «gewinnende Mütter» oder «gewinnende Ehefrauen», kritisierte sie.
Auch den Gemeinderat von Bellinzona beschäftigen die beiden sich kürzlich ereigneten Tötungsdelikte auf Stadtgebiet. Die kommunale Politik könne nicht tatenlos zuschauen, schreibt eine Bellenzer Gemeinderätin von der «Unità di Sinistra» in einer Anfrage an den Stadtrat.
Unter anderem will die Politikerin wissen, ob es spezifische Protokolle für den Umgang mit Verdachtsfällen oder nachgewiesener häuslicher Gewalt gebe und ob das Gemeindepersonal und die sozialen Dienste in Bezug auf geschlechtsspezifische Gewalt und die Erkennung von Risikosignalen geschult würden.
Als Femizid wird die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts bezeichnet. Gemeint sind Frauentötungen, die durch hierarchische Geschlechterverhältnisse motiviert sind. Oft werden diese in (Ex-)Partnerschaften ausgeübt, sie können aber auch ausserhalb stattfinden.