Domino-Effekte von Naturkatastrophen werden unterschätzt
Die vielschichtigen Auswirkungen von Naturkatastrophen seien in aber oft nur unzureichend verstanden und in Risikomodellen nicht abgebildet, schreiben die Forscherinnen Manuela Brunner von der ETH Zürich und Institut für Schnee-und Lawinenforschung (SLF) und Laurie Huning von der California State University in den USA in einem am Donnerstag veröffentlichten Artikel im Fachmagazin «Science». Dies behindere genaue Schadensschätzungen und wirksame Präventionsstrategien.
«Jedes Naturereignis hat das Potenzial, eine Kettenreaktion auszulösen - sei es eine Überschwemmung, ein Waldbrand oder eine Dürre», erklärte Brunner im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. «Diese Kettenreaktionen können weite Entfernungen und grosse Zeiträume umfassen.»
Tote in Europa wegen Waldbränden in Kanada
In ihrem Beitrag in «Science» nannten die Forschenden die Waldbrände in Kanada im Jahr 2023 als Beispiel für solche Kettenreaktionen. Die Rauchwolken dieses Brandes haben nicht nur die Luftqualität in grossen US-Städten wie New York und Chicago verschlechtert, sondern sind über den Atlantik bis nach Europa gezogen. Dort haben sie den Forscherinnen zufolge schätzungsweise zu mehr als 20'000 Todesfällen beigetragen.
Aber auch in der Schweiz seien bereits solche Domino-Effekte ausgelöst worden, erklärte Brunner. So habe etwa das Hochwasser im Wallis im Jahr 2024 nicht nur lokale Schäden angerichtet, sondern auch die Produktion von Porsche in Deutschland beeinträchtigt.
Eine Fabrik im Wallis produziert Aluminiumteile für Porsche. Diese wurde durch die Überschwemmungen beschädigt und konnte mehrere Monate lang nicht produzieren. Porsche war nicht in der Lage, die benötigten Teile zu beziehen und konnte dadurch deutlich weniger Autos produzieren.
Gestörter Strommarkt wegen wenig Schneefall
Ein weiteres Beispiel ist laut Brunner der schneearme Winter 2024/2025: Wegen fehlenden Schmelzwassers erwärmte sich die Aare so stark, dass das Atomkraftwerk Beznau, das auf kaltes Kühlwasser angewiesen ist, seine Leistung drosseln musste. Das wirkte sich auch auf den europäischen Strommarkt aus.
«Wir müssen ein besseres Verständnis für die Komplexität dieser Ereignisse entwickeln», so Brunner. «Wenn wir Naturkatastrophen in Zukunft besser verstehen wollen, müssen wir unsere Modelle so anpassen, dass sie diese Kettenreaktionen und ihre weitreichenden Folgen abbilden können.»