Frust sitzt tief: Federers Durchschnittstag nicht gut genug


Roman Spirig
Sport / 12.07.18 10:24

Eine 2:0-Satzführung und ein Matchball reichten Roger Federer nicht zum 13. Halbfinaleinzug in Wimbledon. Der Titelverteidiger verlor einen über vierstündigen Krimi gegen Kevin Anderson 6:2, 7:6 (7:5), 5:7, 4:6, 11:13.

Frust sitzt tief: Federers Durchschnittstag nicht gut genug  (Foto: KEYSTONE / AP / Ben Curtis)
Frust sitzt tief: Federers Durchschnittstag nicht gut genug (Foto: KEYSTONE / AP / Ben Curtis)

Der ungewohnte Court 1 brachte Federer ein ungewohntes und unerwünschtes Resultat. Erst zum fünften Mal - zum zweiten Mal in Wimbledon - verlor er eine Partie, in der er die ersten beiden Sätze gewonnen hatte. "Das sind zu viele", meinte er auf die Feststellung, dass dies doch sehr selten vorkomme. "Deshalb tun sie extrem weh."

Weh tut sie auch, weil die Niederlage ziemlich aus heiterem Himmel kam. Seit der Halbfinalniederlage vor zwei Jahren gegen Milos Raonic hatte Federer in Wimbledon keinen Satz mehr verloren und mit dem Ende des ersten Durchgangs 85 Aufschlagspiele in Folge gewonnen. Gegen die Weltnummer 8 Anderson entglitt ihm die Partie aber Stück für Stück.

Auch im fünften Satz hatte Federer nochmals alle Chancen, für eine Entscheidung zu seinen Gunsten zu sorgen. In den ersten 22 Games des Entscheidungssatzes hatte er die einzige Breakchance, die Anderson beim Stand von 3:4 mit einem Servicewinner zunichte machte. Auch danach stand der 36-jährige Basler mehrere Male zwei Punkte vor dem Sieg. Doch Anderson hatte bis zu dem Zeitpunkt längst Blut geleckt und Vertrauen gefasst. Ausgerechnet beim Stand von 11:11 und 30:30 unterlief Federer sein einziger Doppelfehler der Partie - und der Südafrikaner nutzte seine einzige Breakchance des gesamten fünften Satzes dank eines Vorhandfehlers von Federer zur Vorentscheidung. Nach 4:14 Stunden verwertete er seinen ersten Matchball standesgemäss mit einem Aufschlagpunkt zum ersten Sieg im fünften Duell mit dem Schweizer.

Im Nachhinein konnte Federer nicht genau festmachen, wo ihm die Kontrolle über den Match entglitten war. "Es waren viele kleine Punkte. Vielleicht war es beim vergebenen Matchball." Der kam im dritten Satz beim Stand von 5:4 und Aufschlag Anderson. Federer verschlug einen schwierigen Rückhand-Passierball. "Vielleicht war es auch, als ich bald danach bei 5:5 meinen Aufschlag verlor."

Gestartet war der achtfache Wimbledon-Champion auf dem Court 1, auf dem er vor drei Jahren letztmals gespielt hatte, hervorragend. Er schaffte gleich im ersten Game ein Break gegen den bekannt starken Aufschläger (28 Asse) und gewann den ersten Satz in nur 26 Minuten. Danach fand aber Anderson immer besser ins Spiel und war erstaunlicherweise auch von der Grundlinie der bessere Spieler. Vor allem mit der Vorhand unterliefen Federer ungewohnt viele Fehler.

"Ich fühlte mich von der Grundlinie nicht besonders gut", bestätigte der Basler diesen Eindruck. "Besonders der Eins-zwei-Punch (der schnelle Punktgewinn mit zwei aggressiven Schlägen) funktionierte nicht. So schaffte ich es nicht mehr, ihn in Bedrängnis zu bringen." Federer sprach von einem "durchschnittlichen" Tag. "Kein schlechter", betonte er. "Aber eben nur ein durchschnittlicher." Anderson habe sicher "sehr gut" gespielt. "Aber ich hätte mir gewünscht, ihn noch mehr pushen zu können, dass er noch ausserordentlicher hätte spielen müssen, um zu gewinnen."

Eine Welt gehe nun nicht unter, betonte Federer, der zum insgesamt fünften Mal bei einem Grand-Slam-Turnier nach einem oder mehreren eigenen Matchbällen noch verlor. Die Müdigkeit, die er noch in Halle nach neun Spielen in zwölf Tagen verspürt hatte, sei kein Thema mehr. "Ich hatte in der ersten Woche genug Zeit, mich zu erholen." Er wird sich nun auf die Hartplatz-Tournee in Nordamerika vorbereiten. Den Kampf um die Nummer 1 hat er zumindest bis zum US Open, wo Rafael Nadal seinen Titel verteidigen muss, verloren.

(sda)


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