Englands Helden gegen den grauen Alltag


Roman Spirig
Sport / 12.07.18 15:24

Helden - das Wort stand heute auf der Titelseite praktisch jeder englischen Zeitung. Trotz der Niederlage im Halbfinal haben Englands Fussballer die Herzen der Menschen erobert. Sie sind die willkommene Ablenkung für einen schwierigen Alltag.

Englands Helden gegen den grauen Alltag  (Foto: KEYSTONE / AP / Francisco Seco)
Englands Helden gegen den grauen Alltag (Foto: KEYSTONE / AP / Francisco Seco)

Eine Stunde nach der Niederlage Englands gegen Kroatien: Das Pub Warwick Castle im Nordwesten Londons leert sich langsam. Enttäuschung ja, Frust nein. Friedlich gehen die Fans in England-Shirts und Southgate-Gilets nach Hause. "Wir sind stolz auf diese Jungs", lautet der Tenor. Und doch hätte ein erster WM-Final nach 1966 dem Land unglaublich gut getan. Ausser über Fussball können sich die Menschen nämlich derzeit über nichts einigen.

Brexit und Immigration im Allgemeinen, die finanziell in Schieflage geratene öffentliche Gesundheitsversorgung, der Besuch von US-Präsident Donald Trump in dieser Woche: jedes Thema sorgt für heftige Diskussionen. Im Parlament wird der Kampf um einen harten oder weichen Austritt aus der EU in einer Schärfe und Brutalität - selbst oder vor allem unter Parteikollegen - geführt, wie es hierzulande undenkbar wäre. "F.ck die Wirtschaft", meinte der mittlerweile zurückgetretene Aussenminister Boris Johnson, nachdem diese vor den Folgen eines Austritts aus der Zoll- und Handelsunion mit der EU gewarnt hatte.

Selbst die Fussballer waren mit wenig Kredit an die WM nach Russland gereist. Im Gegensatz zu anderen, wesentlich höher eingestuften Teams der "Three Lions" übertrafen sie aber die Erwartungen. Es war nicht nur der Erfolg, sondern auch das sympathische Auftreten der jungen Mannschaft und nicht zuletzt ihres Trainers Gareth Southgate, das die Menschen begeisterte. Egal, ob links oder rechts, Einwanderer oder Rotschopf, für oder gegen Brexit: Alle sind sich einig in der Unterstützung für diese Fussballer. Selbst die Puritaner, die sich gegen das viele Geld und ausländische Investoren in der Premier League sträuben, stimmen in die Begeisterung ein. Und sogar der pakistanische Haushaltswarenhändler an der Edgware Road hängte neben den arabischen Schriftzug zwei England-Fahnen.

Die Engländer sind stolz, dass es in ihrem Team keinen Neymar hat, der sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit theatralisch fallen lässt. Keinen Cristiano Ronaldo, der wie ein Gockel auf dem Platz herumstolziert. Und auch keinen Wayne Rooney oder John Terry, die mit Eskapaden neben dem Platz auffallen. Selbst die gleichzeitig verhassten wie faszinierenden WAGS (Spielerfrauen und -freundinnen) traten schnell in den Hintergrund.

Sinnbildlich für diesen ehrlichen Fussball steht Trainer Gareth Southgate. Der ehemalige Verteidiger aus dem Londoner Arbeiter-Vorort Watford ist ein Glücksfall für England. Hätte sich der stets polternde Sam Allardyce nicht durch einen Korruptionsskandal selbst diskreditiert, wäre Southgate gar nie Nationaltrainer geworden. Mit seiner bodenständigen und doch eleganten Art verkörpert er das Idealbild des Durchschnitts-Engländers. Die Leute rechnen es ihm hoch an, dass er nicht in Designerkleidern herumläuft, sondern sich wie das Fussvolk im Warenhaus um die Ecke einkleidet.

Das Hemd und Gilet Southgates ist so sehr zu einem Markenzeichen geworden, dass Schulen am Mittwoch den Uniformzwang aufhoben. Die Schüler durften ausnahmsweise im England-Shirt oder im Gilet erscheinen. Manche zeichneten sich ein Gilet mit Filzstift auf das Hemd. Als kleiner Nebeneffekt meldete die Traditionsmarke, die unter dem Einkauf im Internet leidet, glänzende Verkaufszahlen. Die Gilets sind in fast allen Grössen ausverkauft.

Zuvor hatte es zuweilen geheissen, wenn Southgate England zum WM-Titel führen würde, wäre er auch als Premierminister geeignet. So weit kommt es nicht - wohl zum Glück. Das Land wird schon bald in den normalen, grauen Alltag zurückkehren, in dem jeder gegen jeden giftet. Es war ein Sommermärchen, das wie die schönen Olympiatage 2012 nicht anhalten wird. In zwei Jahren, wenn Grossbritannien nicht mehr zur EU gehören wird, könnten sich Southgate und seine Jungs aufmachen, Fussball-Europa zu erobern. England könnte mit Sicherheit auch dann wieder ein wenig einigende Begeisterung brauchen.

(sda)


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